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Dekra Safety Day in Bielefeld - Crash mit dem Hoverboard

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Genau wie Fußgänger sind auch Hoverboard-Fahrer im Straßenverkehr ungeschützt Foto: Dekra

Wenn man verstehen will, was bei einem Unfall genau passiert, stellt man ein mögliches Szenario im Crashtest nach. Dieses Jahr widmete sich die Dekra bei ihrem Test seltenen, aber gefährlichen Begegnungen im Straßenverkehr.

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Jens König ist Leiter Unfallforschung bei der Dekra. Für ihn steht außer Frage, dass Crashtests die wesentliche Grundlage für die späteren Computermodelle legen. ,,Das reale Geschehen ist bei diesen Versuchen sehr detailliert zu erkennen." Das gelte für die aufgezeichneten Messdaten ebenso wie für die Fotos und Filmsequenzen. Beste Beispiele dafür lieferten die Crashtests während des Safety Days auf dem Gelände des Verkehrssicherheitszentrums in Bielefeld. Dabei stellte die Dekra ein Gefährt in den Mittelpunkt, das sich derzeit vor allem bei Kindern und Jugendlichen immer größerer Beliebtheit erfreut - das Hoverboard. Die Einachser ohne Lenkstange haben auf jeder Seite einen kleinen Elektromotor, der jeweils allein über die Gewichtsverlagerung gesteuert wird.

,,Genau wie Fußgänger sind auch Hoverboard-Fahrer im Straßenverkehr ungeschützt. Gerade bei Kollisionen mit Pkw ist die Gefährdung besonders hoch", erklärt König. Diese Gefährdung wachse vor allem deshalb, weil die E-Gefährte Geschwindigkeiten von bis zu 20 Kilometern pro Stunde erreichen. Autofahrer seien kaum darauf eingestellt, dass ein Fußgänger mit einem solchen Tempo unterwegs sei. Deshalb könne es gerade im querenden Verkehr zu kritischen Situationen kommen, weist der Unfallforscher auf mögliche Gefahren hin.

Wie dramatisch der Ausgang eines denkbaren Zusammenstoßes zwischen einem Pkw und einer etwa 1,75 Meter großen Person auf einem knapp elf Zentimeter hohen Hoverboard sein kann, zeigt der Versuch auf dem Testgelände eindringlich. Dabei wird ein Dummy von einem mit 45 km/h heranrauschenden Auto erfasst. Sekundenbruchteile später liegt die Puppe mit verrenkten Gliedmaßen auf der Straße - einige Meter von dem Wagen entfernt. Der wiederum zeigt heftige Spuren der Kollision. Die Motorhaube ist eingedrückt, in der Windschutzscheibe sind zwei mächtige Einschläge zu erkennen. Für die Forscher ist die Sachlage eindeutig. Der Dummy ist nach dem Zusammenstoß zunächst mit dem Körper auf die Haube, dann mit Schulter und Kopf gegen die Frontscheibe geprallt. Die Chance, einen solchen Unfall zu überleben, sind denkbar schlecht. Das wird beim Blick auf die Szene allen klar, die den Crashtest beobachtet haben.

Unter den fast 300 Zuschauern an diesem Tag sind Polizeibeamte aus mehreren Bundesländern, Rechtsanwälte und andere Verkehrsexperten. Obwohl generell mit Recht und Gesetz vertraut, wissen die meisten von ihnen nicht, dass in der Realität nach einem solch tragischen Unglück noch große rechtliche Probleme auftauchen würden. Denn motorbetriebene Hoverboards werden als Spielzeug eingestuft, dürften demnach nicht mehr als sechs Kilometer pro Stunde schnell sein. ,,Da die Einachser mit E-Motoren aber deutlich mehr Tempo ermöglichen, sind sie als Kraftfahrzeuge einzustufen. Und solche dürfen im öffentlichen Raum ausschließlich mit einer entsprechenden Zulassung betrieben werden", betont König. Die gebe es jedoch nicht. Das bedeute, Hoverboards dürften lediglich auf privatem Gelände genutzt werden.

Das Fahren auf einem Bürgersteig oder auch auf der Straße könne im Ernstfall rechtliche Folgen haben. Anders als bei den mit Lenkstange ausgerüsteten Segways, die seit einigen Jahren zu sehen sind, gebe es für Hoverboards auch keine Ausnahmegenehmigung. Dass diese erteilt werde, daran glaubt König nicht. ,,Dazu ist die Qualität in vielen Fällen einfach zu schlecht. Boards dieser Art gibt es schon ab 150 Euro. Dann aber müsse an der Qualität der Akkus und der Ladeelektronik gezweifelt werden. ,,Allein in den USA wurden schon hunderttausende Boards wegen Brand- und Explosionsgefahr zurückgerufen", weiß König und ergänzt: ,,Wenn ein Brand entsteht, passiert das meist beim Laden - und damit oft im Kinderzimmer, wo das Board nachts untergebracht ist."

Passend zur Jahreszeit haben die Unfallforscher außer dem Hoverboard ihr Augenmerk aber auch auf eine denkbare Kollision zwischen einem Motorradfahrer und einem Cabrio gelegt. Es habe trotz der ständig steigenden Zahl an motorisierten Zweirädern - inzwischen sind 4,3 Millionen zugelassen - deutlich weniger Unfalltote in den vergangenen Jahren gegeben. Seit 2000 wurde ein Rückgang um 50 Prozent auf 541 im Jahr 2016 verzeichnet, sagt Luigi Ancona aus der Dekra-Unfallforschung. Die arbeitet weiter daran, Maßnahmen zu finden, um die Bilanz weiter zu verbessern.

Ein Beispiel ist die Abkehr von Kurvenleittafeln mit stählernen Füßen. Weitaus weniger gefährlich seien Aufstecksysteme auf den Leitpfosten, da die bei einem Aufprall nachgeben würden. Kaum nachgeben dagegen kann eine Autotür, die seitlich von einem Krad getroffen wird. Ist der Wagen dann auch noch ein Cabrio, dann kann es sowohl für den Motorradfahrer als auch die Insassen des Autos mit schwerwiegenden Folgen enden. Der entsprechende Crashtest auf dem Gelände in Bielefeld zeigt, dass der Dummy auf dem mit Tempo 50 fahrenden Motorrad nach dem seitlichen Aufprall in das Auto fliegt, dabei mit seinem behelmten Kopf den des Beifahrers touchiert und dann auf dem Fahrer landet. Die Folgen einer solchen Kollision wären verheerend.

Auch wenn die Unfallforscher mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass die Fahrzeuge immer sicherer werden, appellieren sie nachdrücklich an alle Verkehrsteilnehmer, mit einem hohen Risikobewusstsein unterwegs zu sein. Nahezu 90 Prozent aller Unfälle europaweit sind auf menschliches Versagen zurückzuführen.

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