Tradition: 50 Jahre Mercedes-Benz 250 C bis 280 CE (Strich-Acht-Coupés):

Tradition: 50 Jahre Mercedes-Benz 250 C bis 280 CE (Strich-Acht-Coupés): - Schnelle Sturmspitzen

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Mit den eleganten Hardtop-Coupés 250 C bis 280 CE brachte Mercedes jenen gut getarnten Hauch schnelle Extravaganz in die obere Mittelklasse, wie ihn die gesellschaftliche Avantgarde ab 1968 liebte Foto: Daimler AG

Sie sind stark, sie sind exklusiv und doch basieren sie auf den bürgerlich-braven Strich-Acht-Sternträgern. Mit den eleganten Hardtop-Coupés 250 C bis 280 CE brachte Mercedes jenen gut getarnten Hauch schnelle Extravaganz in die obere Mittelklasse, wie ihn die gesellschaftliche Avantgarde ab 1968 liebte.

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Es war das Jahr radikaler gesellschaftlicher Veränderungen, das mit Prunk und Protz vergangener Epochen brach. Ab 1968 wurde der Nerz nach innen getragen und entsprechend unaufdringlich präsentierten sich auch die eleganten Hardtop-Coupés, mit denen Mercedes erstmals in der oberen Mittelklasse Präsenz zeigte.

Abgeleitet von den sachlich gezeichneten Strich-Acht-Limousinen der Baureihe W114/115 verzichteten die Coupés 250 C bis 280 CE auf eine völlig eigenständige Karosserie, wie sie etwa BMW CS oder Peugeot 504 Coupé zur Schau trugen. Stattdessen charakterisierte die Stuttgarter Coupés ein kürzerer und niedrigerer Dachpavillon auf der Bodengruppe der Limousine. Ein von Kultcouturier Paul Bracq unter Mitwirkung von Bruno Sacco realisiertes Design, das anfangs nicht unumstritten war. Besonders der lange Kofferraum und noch mehr die vergleichsweise kurz wirkende Motorhaube fanden Kritiker. Dabei verbargen sich doch hinter dem Kühler technische Spezialitäten, die sogar in der Fachpresse Begeisterung auslösten: Im Unterschied zur Limousine gab es das Coupé nur mit leistungsstarken Sechszylindern, die dem Benz den Charakter eines schnellen Muscle Cars verliehen. Besonders der dem Coupé 250 CE vorbehaltene 110 kW/150 PS starke Einspritzmotor - das erste Mercedes-Serienaggregat mit elektronischer Bosch-Einspritzung - wurde gefeiert. Eine Vmax von knapp 200 km/h prädestinierte den Zweitürer zum Jäger schneller V8-Boliden und Sportwagen.

Was dem dynamischen Mercedes in Amerika dann auch die Rolle eines Road-Stars sicherte, der beim Prestige manchem englischen oder italienischen Sportler den Rang ablief. Tatsächlich fanden die in insgesamt 67.000 Einheiten gebauten Strich-Acht-Coupés auf Exportmärkten sogar noch wesentlich mehr Fans als im Heimatland. Was auch daran gelegen haben mag, dass die rahmenlosen, komplett versenkbaren Seitenscheiben und der Verzicht auf eine B-Säule ein Insignum von Noblesse waren, wie es etwa auf dem US-Markt besonders geschätzt wurde. Auffällig ist zudem die gewollte optische Verwandtschaft des Dachaufbaus mit der Pagode des Mercedes SL (W 113), die ebenfalls von Paul Bracq gestaltet wurde. Um diese herzustellen, spendierte Bracq dem zweitürigen Strich-Acht nicht nur eine flachere Frontscheibe und eine gerundetere Heckscheibe als der Limousine, sondern auch zwei längsverlaufende Zierleisten auf dem Dach, das beachtliche 20 Zentimeter kürzer als beim Viertürer ausfiel.

Finessen finden sich auch im Interieur des elitärsten Strich-Achters. So verfügt er über eine Arretierung der Vordersitzlehnen per Unterdruck. Sind die Türen geschlossen, können die Lehnen bei laufendem Motor nicht nach vorn geklappt werden. Beendet wird die Blockade durch das Abstellen des Motors oder das Öffnen einer Tür. Daneben gab es natürlich auch die aus der Limousine bekannten Sicherheitsdetails, mit denen die Daimler-Ingenieure für Furore sorgten. Etwa die damals noch wegweisenden servounterstützten Scheibenbremsen an allen vier Rädern, die vom Citroen DS inspirierte pedalbetätigte und per Zugknopf gelöste Feststellbremse, die originellen Schmetterlingsscheibenwischer und die ab 1973 analog zur S-Klasse eingeführten, profilierten, schmutzabweisenden Rückleuchten.

Für einen Hauch Noblesse gegenüber der Deutschen liebsten Taxi-Limousine 200 D sorgten im zweitürigen Sechszylinder üppigere Teppichverkleidungen und ein Edelholzfurnier für die Armaturentafel. Als vollwertiger Fünfsitzer genoss das 4,69 Meter lange Coupé bereits eine Ausnahmestellung unter seinen Wettbewerbern, der laut zeitgenössischer Presse ,,geradezu unermesslich große, ja gigantische Kofferraum" verhalf ihm überdies zu dem respektvoll-spöttischen Beinamen ,,rasender Kofferraum". So war weiland bereits ein Opel Rekord Coupé genannt worden, wirklich schnell war aber erst das Mercedes Coupé. Zwar gab es als Einstieg eine 96 kW/130 PS leistende Vergaser-Version des Typs 250 C, dieser 2,5-Liter-Sechszylinder fristete jedoch nur ein Nischendasein im Programm. Auch der 1970 eingeführte 250 C mit gedrosseltem 2,8-Liter-Motor aus dem 280 S (W 108) wurde nur unwesentlich populärer. Es war der 250 CE, der alles überstrahlte, zumal er optional nicht nur mit Getriebeautomatik, sondern auch mit manuellem Fünfgang-Getriebe verfügbar war. Der fünfte Gang war lang übersetzt, nur so näherte sich die Vmax der damals noch magischen 200-km/h-Marke. Angenehmer Nebeneffekt des Schongangs: Die Verbrauchswerte reduzierten sich auf erträglicheres Niveau.

Ansonsten durften es laut zeitgenössischen Testberichten gerne bis zu 19 Liter sein, die sich der Einspritzer gönnte - der Normverbrauch von 11,7 Liter war schon damals Makulatur. Zwar waren die manche Wettbewerber sparsamer, dafür in der Anschaffung kostspieligerer. Gleich ob BMW CS, Fiat Dino Coupé oder die Vierzylinder Lancia Flavia Coupé und Peugeot 504 Coupé, mit einem Preis ab 17.705 Mark zählte der 250 CE zu den günstigen Coupés. Solange Zurückhaltung bei den Optionen geübt wurde, denn sonst sah die Rechnung anders aus. Zumal Mercedes sogar noch Selbstverständlichkeiten wie die heizbare Heckscheibe in Rechnung stellen konnte. Wer übrigens die deutlich preiswerteren Opel Commodore Coupé oder Ford 26 M Coupé im Wettbewerbsvergleich vermisst: Diese Modelle spielten damals nach Einschätzung der meisten Mercedes-Händler in einer anderen Liga.

Höher hinaus wollten im Frühjahr 1972 auch die Strich-Acht-Coupés. ,,Neue Temperamente", titelten die Anzeigen zur Einführung der Typen 280 C und 280 CE mit frisch entwickeltem, aufwändigen Reihensechszylinder. Die Basis bildete zwar noch der alte 2,8-Liter aus dem 280 SE mit sieben robusten Hauptlagern für astronomisch hohe Kilometerleistungen, allerdings spendierten die Mercedes-Entwickler diesem Sechszylinder für den 280 CE eine zweite oben liegende Nockenwelle sowie elektronische Benzineinspritzung und Transistorzündung. 136 kW/185 PS Leistung bei sportiven 6.000/min und das spontane Ansprechverhalten eines Sportmotors, das machte aus dem 280 CE ein deutlich über 200 km/h schnelles High-Performance-Hardtop, das Pionierarbeit leistete für die Typen 280 SL, 280 SLC (W 107) und 280 SE (W 116). Denn in diesen Typen debütierte das Aggregat ebenfalls. Mit Vergaser leistete der 2,8-Liter-Sechszylinder immer noch 118 kW/160 PS. Genug Leistung, um den 250 CE in den Ruhestand zu schicken.

Eine gründliche Modellpflege genügte, um das Coupé über acht Jahre frisch zu halten. Wie die Limousinen erhielt der Zweitürer 1973 einen flacheren und breiteren Kühlergrill und die auffällig profilierten, verschmutzungsarmen Rückleuchten. Außerdem entfallen die Coupé-typischen Doppelstoßstangen vorn. Lange Lieferzeiten hatten die Strich-Acht-Coupés übrigens bis zum Schluss als schon der W123 am Horizont auftauchte - dieser Zweitürer mit Stern war offenbar von Anfang an ein Klassiker. Und eine Langzeitinvestition, wie die Popularität von 250 C bis 280 CE in der H-Kennzeichen-Klassiker-Szene beweist.
Chronik:
1961: Entwicklungsstart für die neue Mercedes-Mittelklasse unter Fritz Nallinger. Für das Design zeichnet Paul Bracq verantwortlich, unterstützt von Bruno Sacco.
1964: Designfindung geht ins Finale, Anfang 1965 fällt die Entscheidung gegen eine unterschiedliche Fahrzeugfront von Vier- und Sechszylindern.
1965: Hans Scherenberg übernimmt die Projektleitung des Baureihen W 114/115.
1967: Produktionsanlauf der Baureihen W 114/115 und internationale Pressefahrvorstellung auf Sizilien. Der ,,Strich-Acht", so genannt wegen seines Einführungsjahres, ersetzt die Baureihe W 110 mit den Typen 190 D - 230 (,,Heckflosse").
1968: Im Januar treten die Mercedes-Baureihen W 114/115 mit sechs Limousinen an. Neu ist der 2,5-Liter-Reihensechszylinder M 114 mit 96 kW (130 PS), der ab Herbst auch für das Hardtop-Coupé 250 C verwendet wird. Spitzenmodell ist der 250 CE als erster Mercedes mit wegweisender elektronisch gesteuerter Einspritzanlage.
1969: Für den USA-Export kommt der 250 C mit dem gedrosselten 2,8-Liter-Motor aus dem 280 S (W 108) ins Programm.
1970: Nun erhalten alle 250 C den 2,8-Liter-Sechszylinder.
1972: Die Experimental-Sicherheits-Fahrzeuge, mit denen Techniken wie Anti-Blockier-System und Airbag getestet werden, basieren auf dem Strich-Acht, so der ESF 05 (1971) und der ESF 13 (1972). Im April 1972 debütieren die Coupés 280      C und 280 CE mit neuem 2,8-Liter-Motor M 110. In der Vergaserversion leistet der Sechszylinder 118 kW (160 PS) und mit Saugrohreinspritzung 136 kW (185 PS). Mit Einführung der neuen Motoren entfällt das Coupé 250 CE.
1973: Modellpflege mit von innen verstellbaren Außenspiegeln und profilierten, verschmutzungsarmen Rückleuchten. Der Kühlergrill wird niedriger und breiter und die Ausstellfenster in den Seitenscheiben entfallen. Weil die Bugschürze dem Design der S-Klasse angeglichen wird, verlieren die Coupés 250 C, 280 C und 280 CE die typischen Doppelstoßstangen vorn. Kennzeichen auf der Stoßstange statt unterhalb zugunsten eines vorteilhaften Böschungswinkels.
1974: Im Jahr 1974 gelingt es dem ,,Strich-Acht" sowohl den VW Käfer als auch den Golf von der Spitze der deutschen Neuzulassungsstatistik zu verdrängen mit 140.127 verkauften Einheiten.
1975: Im November erfolgt der Produktionsstart für die neue Baureihe W 123, wenig später die Pressevorstellung.
1976: Am 28. Januar feiert der W 123 als Limousine sein Debüt in den Schauräumen der Mercedes-Händler. Die Produktion der Vorgänger-Baureihe 115/114 wird aber nicht etwa gleich eingestellt, sondern läuft noch das ganze Jahr bis Dezember weiter. Grund sind die langen Lieferzeiten für den neuen W 123. Als letzter Typ der Strich-Acht-Serie entfällt das Coupé.
1977: Auf dem Genfer debütiert das Nachfolge-Coupé der W-123-Reihe, jetzt auch mit Vierzylindermotor.

Wichtige Motorisierungen:
Mercedes-Benz 250 C mit 2,5-Liter-Sechszylinder-Benziner (96 kW/130 PS), Vmax 180 km/h;
Mercedes-Benz 250 CE mit 2,5-Liter-Sechszylinder-Benziner (110 kW/150 PS), Vmax 190 km/h;
Mercedes-Benz 280 C mit 2,8-Liter-Sechszylinder-Benziner (118 kW/160 PS), Vmax 190 km/h;
Mercedes-Benz 280 CE mit 2,8-Liter-Sechszylinder-Benziner (136 kW/185 PS), Vmax 200 km/h.
Ausgewählte Produktionszahlen
Insgesamt wurden 1.919.056 Fahrzeuge der Baureihen W 115/114 produziert (1967 bis 1976). Davon Coupés in
8.824 Einheiten als 250 C (1968-1972, W 114 V25),
11.768 Einheiten als 250 C (2,8 Liter) (1969-1973, W 114 V28),
21.787 Einheiten als 250 CE (1968-1972, W 114 E25),
13.151 Einheiten als 280 C (1973-1976, W 114 V28),
11.518 Einheiten als 280 CE (1973-1976, W 114 E28).
 

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