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Fabians Fabia

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mid Liepaja/Lettland - Der Skoda Fabia R5 von Kreim/Christian in einer Drift-Passage. Marcus Efler / mid

Als einziges deutsches Team wagten sich Fabian Kreim und Frank Christian in die europäische Rallye-Meisterschaft ERC - und erreichten mit ihrem allradgetriebenen Skoda Platz drei der Titelwertung.

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Ein Wald in Lettland, irgendwo zwischen Riga und dem Ostsee-Städtchen Liepaja. Auf einem Hügel neben einer schmalen Sandpiste stehen Dutzende Menschen oder sitzen auf kleinen Klappstühlen. Aus der Ferne Motorengedröhn, Ein lauter Pfiff aus einer Trillerpfeife, Kameras und Fahnen erheben sich, dann schießt, Vollgas röhrend und driftend, ein kleines Auto vorbei. Steinchen schleudern hoch, fliegen gegen Jacken und klacken auf Kamera-Objektive. Dann: Das Auto verschwindet. Waldesruh. Ein paar Minuten Warten auf den nächsten Pfeifenpfiff, das nächste kleine Auto.

Rally Liepaja (ja, Rally ohne e am Ende), achter und letzter der Lauf zur ERC, zur europäischen Rallye-Meisterschaft. Viele der Kleinwagen-Modelle, die hier zu einer der Wertungsprüfungen vorbeischleudern, sind allradgetriebene Skoda Fabia R5. Etwa das des einzigen deutschen Teams im Starter-Feld: Fahrer Fabian Kreim, erstmals europaweit unterwegs, und Co-Pilot Frank Christian, zweimalige deutsche Titelträger.

"Mir ist es vor allem wichtig, Erfahrung auf internationalen Strecken zu sammeln", sagt Euro-Rookie Kreim, Denn die seien teilweise schon anspruchsvoller als die deutschen - und schneller. Spricht's und gibt Gas. Das Durchschnitts-Tempo in Wertungsprüfung 1 bei der Rally Liepaja: 128 km/h - und damit ganz knapp unter dem Sicherheits-Limit von 130 km/h. Inklusive der zeitfressenden Beschleunigungsphase am Start. In der Spitze erreicht der Fabia R5 190 km/h - ganz ordentlich für Waldwege.

Anders als bei Rallye-Weltmeisterschaften, wo Skoda die WRC 2 dominiert, gibt es in der Europa-Serie keine Werksteams - aber trotzdem so eine Art Marken-Unterstützung. Skoda Auto Deutschland kauft den Fabia R5 und finanziert die Rennen offiziell als Privatteam. Ungefähr 250.000 Euro kostet allein das Fahrzeug. Dazu addiert sich ein Vielfaches für Logistik, Gehälter und anderen Kleinkram auf einen Gesamt-Etat im siebenstelligen Bereich.

Vor allem das Autochen hat es in sich - dort steckt natürlich nicht serienmäßige Fabia-Technik, sondern Renn-High-Tech. Aus dem weltweit agierenden Volkswagen-Konzern zogen die Ingenieure für den Sport-Einsatz zusammen, was passt, und modifizierten es für den sportlichen Zweck: Der Vierzylinder-Motor ist ein Zweiliter-Aggregat für chinesische Modelle, das auf regelkonforme 1,6 Liter Hubraum verkleinert wurde, der Turbolader aus dem Audi RS, die Lenkung spendiert der Transporter Crafter.

Technisch entspricht der Wagen dem für den Deutschland-Einsatz, mit allen schweißtreibenden Unannehmlichkeiten wie dem Fehlen einer Servobremse. Zwölf Wertungsprüfungen in zwei Tagen sind ein Hardcore-Programm, für das sich Fabian Kreim mit regelmäßigen Work-Outs in Form hält: "Das ist ein Sport wie jeder andere", findet er. Beifahrer Frank Christian bringt zur Fitness noch die Eigenschaft absoluter Seetauglichkeit mit, liest er doch während der (Tor)tour das Gebetbuch mit präzisen Anweisungen für Tempo, Gangwahl, Bremseinsatz und so fort. Der Fahrer verlässt sich blind darauf.

Rallye-Sport ist Teamwork. Und dazu eine der wenigen Motorsport-Arten, in denen spektakuläre Drifts nicht der Show dienen, sondern auch einer guten Zeit. "Nur so entwickeln die Reifen auf Schotter den notwendige Grip", erklärt Kreim.
Kurz vor Schluss gönnt sich der Pilot noch mal eine Schrecksekunde: Auf einer Waldweg-Passage verliert er die Kontrolle, rutscht seitlich weg und erledigt ein paar Wagenlängen, an der Grenze zum Umkippen, auf den rechten Rädern. Auch eine Art von Zweirad-Sport. Die Mission "Erfahrung sammeln" ist jedenfalls um eine Lektion reicher.

Als Sieger des Rennens und der Euro-Wertung darf schließlich der international geübte Russe Nikolay Gryazin ganz oben aufs Treppchen, auch er pilotiert einen Skoda Fabia. Kreim/Christian beschließen die Saison mit Platz vier in Lettland und Rang drei in der U28-Titelwertung - ein überzeugender Einstand. Finden auch die mitgereisten Fans der Deutschen, die nach jeder Prüfung ihre Flagge eingerollt, sich zum nächsten Spot, zur nächsten Kurve aufgemacht haben. Tapfer durchs Gestrüpp oder matschige Kiesgruben. Rallye ist eben Sport in der Natur - für die Teilnehmer ebenso wie für Zuschauer.

Marcus Efler / mid

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