Historie

Die mid-Zeitreise: Test Harley-Davidson Heritage Softail Classic

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  • 15. März 2019, 10:53 Uhr
  • Motor-Informations- Dienst (mid)
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mid Groß-Gerau - Wie alle großen Harleys wird auch die Heritage Softail Classic aus dem Jahr 1989 mit einem gewaltigen Evolution-Motor bestückt, der vom E-Starter problemlos zum Leben erweckt werden kann. Harley-Davidson

Am 27. März 1989 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 44. Jahrgang über die Harley-Davidson Heritage Softail Classic.

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Am 27. März 1989 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 44. Jahrgang über die Harley-Davidson Heritage Softail Classic.

Ein Blickfang

Eine Harley-Davidson fällt überall auf. Und der LSTC Heritage Softail Classic kann bescheinigt werden, dass sie innerhalb der Harley-Modell-Familie in Sachen Blickfang noch eine Sonderstellung einnimmt. Dafür sorgen das klassische Styling im Stil der 50er Jahre mit barocken Formen und viel Chrom. Und auch die üppige Nieten-Ausstattung der Sitzbank und die mit Fransen versehenden Lederpacktaschen sowie das schlichte Windschild tragen zum unverwechselbaren Erscheinungsbild bei. Wer von dem Charme einer Heritage fasziniert ist, aber die Nieten-Show nicht mag, kann auf das Schwester-Modell FLST Heritage Softail zurückgreifen, das auf Nieten ebenso verzichtet wie auf ein serienmäßiges Windschild sowie die Packtaschen.

Wie alle großen Harleys wird auch die Heritage Softail Classic mit dem gewaltigen Evolution-Motor bestückt, der vom E-Starter problemlos zum Leben erweckt werden kann. Auch wenn der japanische Wettbewerb mittlerweile mit seinem Chopper-Angebot die 1.340 ccm Hubraum und die Leistung von 45 kW/61 PS bei 5.000 Kurbelwellenumdrehungen übertroffen hat, so bleibt der Harley ihr einzigartiger Charme erhalten. Und der liegt unter anderem darin, bereits aus der Leerlaufdrehzahl heraus Gas anzunehmen und kraftvoll "loszurütteln". So kann man es noch am ehesten beschreiben, wie der luftgekühlte V-Zweizylinder unter allerlei mechanischen Geräuschen und sympathisch-markanten Vibrationen an Drehzahl gewinnt. Dass der Durchzug nicht "von schlechten Eltern" ist, ist angesichts von 92 Nm (bei lediglich 4.000 U/min) als maximales Drehmoment und des gewaltigen 108 mm Kolbenhubs leicht verständlich. Wenn es sein muss, zieht der Twin bis rund 6.000 Touren hoch, was jedoch kaum nötig und schon gar nicht stilvoll ist. Sieht man einmal davon ab, dass das gefahrene Exemplar gegenüber vormals gefahrenen 1.340 ccm Harley-Maschinen nicht ganz so gut "im Futter" stand, kann man der Classic eine sympathische Motorisierung attestieren.

Nur schade, dass der Viertakt-Sound aus den beiden rechtsliegenden Auspuffrohren nicht ein wenig satter kommt. Der durchschnittliche Benzinverbrauch liegt bei gut 5,5 Liter Super bleifrei auf 100 km, was angesichts des 16 Liter-Tanks eine Reichweite von rund 250 km gestattet. Kritik verdient das Fünfgang-Getriebe der Testmaschine, welches sich gerade beim Herunterschalten in die unteren Gangstufen ziemlich hakelig bedienen ließ. Zum Ausgleich kam die Ölbadkupplung ohne große Handkräfte ihrer Funktion nach. Und der hydraulische Ventilspielausgleich nebst elektronischer Zündung sowie der pflegearme Zahnriemenantrieb zum Hinterrad machen die bei Bedarf über 160 Tachokilometer schnelle Maschine sehr wartungsarm.

Nur 67 cm über dem Boden, fast in Höhe der Speichenräder, sitzt der Biker auf der Classic. Doch er sitzt nicht nur tief, sondern auch relaxed in aufrechter Haltung. Die Füße kommod auf Schaltbrettern, die Hände am hohen Lenker und der Oberkörper samt Kopf hinter der hohen Windscheibe vorm Fahrtwind geschützt, so kann die Fahrt losgehen. Allerdings muss man bei Geschwindigkeiten über 110 km/h mit starken Turbulenzen hinter der Scheibe leben, die auf die Dauer nervend Helm und Kopf durchrütteln. Dank des breiten Lenkers und des tiefen Maschinenschwerpunktes hat man den 295 kg schweren US-Koloss gut im Griff. Nur Rangiermanöver im Stand erfordern Muskeleinsatz. Im übrigen kann die Classic als handlich durchgehen.

Auf normalen Landstraßen wirft die Federung keine Probleme auf. Werden jedoch Straßen zweiter oder gar dritter Ordnung etwas zügiger unter die dicken 16 Zoll-Reifen genommen, kommen die kurzen Federwege der liegenden Stoßdämpfer schnell in Not. Die Folgen: Fahrbahnstöße schlagen durch und das Fahrwerk schwingt nach. Doch der echte Softail-Biker dürfte wohl selten solchermaßen stillos unterwegs sein, so dass ihm beim entspannten Choppern auch das im Zweipersonenbetrieb sehr frühzeitige Aufsetzen in Kurven nicht allzusehr auffallen wird. Apropos Sozia: sie sitzt nicht gerade bequem auf ihrem kleinen Sitzkissen, dafür aber hocherhoben über dem Fahrer.

Die Zweischeiben-Bremsanlage erfordert Harley-typisch hohe Bedienungskräfte für nur zufriedenstellende Bremsleistungen. Die Ausstattung umfasst funktionelle Schaltereinheiten sowie eine Tank-Konsole mit integriertem Tacho und eigenwilligem Zündschloss. Auch Leder-Packtaschen gehören dazu, die zwar geräumig, aber auch relativ schmal sind. Exakt 25.830 DM beträgt die Preishürde, die Harley-Davidson vor dem Chopper-Individualisten namens FLSTC Heritage Softail Classic gesetzt hat. Wahlweise gibt es sie auch mit versicherungsgünstigem 34 kW/46 PS-Triebwerk.

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