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FCA Heritage Hub - Wenn Traditionspflege mehr als ein Museum sein will

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Fiat feiert seine Historie im Heritage Hub Foto: Fiat

Mit dem neuen Heritage Hub als Drehkreuz für die Markengeschichte von Fiat, Alfa Romeo, Lancia und Abarth wurde eine ehemalige Montagehalle in Mirafiori wieder Leben eingehaucht. Zur großen Klassikerschau gibt es auch eine Reihe von neuen Services.

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Im 120. Jahr der Fabbrica Italiana Automobili Torino präsentiert Fiat nicht nur das erwartbare Jubiläumsmodell des Bestsellers 500. Zum runden Geburtstag eröffnete der FCA-Konzern mit dem Heritage Hub jetzt auch ein beeindruckendes Areal, an dem die Tifosi der Marken Fiat, Lancia, Alfa Romeo und Abarth - aber ohne Exponate von Maserati und Ferrari - über 250 unterschiedlichste Fahrzeuge Revue passieren lassen können. Auf über 15.000 Quadratmeter unter dem gewaltigen Dach der ehemaligen Montagehalle Officina 81 im Werksgelände von Mirafiori parken Konzeptfahrzeuge, Sonderanfertigungen, Rennwagen, Rallyelegenden flankiert von einer Parade von Modellen aus vielen Jahrzehnten, die von der Entwicklung von Design und Technik im Jahrhundert der motorisierten Mobilität erzählen.

"An diesem geschichtlichen Ort wollen wir Geschichten erzählen", verspricht Roberto Giolito. Heute steht der ehemalige Designchef von Fiat und Schöpfer des neuen 500 und des eigenwilligen Vans Mulitpla von 1999 an der Spitze des Traditionsprojekts FCA Heritage und hat Großes vor. Denn die Officina 81, die selbst heuer ihren 80. Geburtstag feiert, soll mehr sein, als nur eine Sammlung von Markenmodellen. Für ihn muss die Pflege der Historie den Blick nach vorn schärfen. Giolito will keinen statischen Andachtsort, sondern Raum für Auseinandersetzungen, Bildungsprogramme und wechselnde Perspektiven schaffen. Das mag der Grund sein, weshalb das Heritage Hub von Fiat Chrysler Automobiles nicht perfekt fertig inszeniert wirkt, sondern eher, wie Giolito sagt, "ein dreidimensionales Archiv, das sich ständig verändern lässt".

Herzstück des neuen Zentrums der Traditionspflege bei Fiat sind acht thematisch gegliederte Ausstellungsbereiche. Unter "Epic Journeys" findet man beispielsweise Abenteuermobile aus Turin wie den robusten Fiat Campagnola AR 51, der 1952 in nur elf Tagen die Strecke von Kapstadt nach Algiers bewältigte oder den Fiat 131 Abarth Diesel, der 1977 auf der Tour London - Sydney siegte. In den Bereichen "Eco and Sustainable" und "Small and Safe" begegnet man nicht nur frühen Elektrokonzepten aus den siebziger Jahren, deren Zeit wie bei so vielen technischen Innovationen noch nicht gekommen schien, sondern auch Panda- und Uno-Varianten aus nachhaltigen Materialien oder als Versuchsfahrzeuge aus der Sicherheitsforschung Fiats. Man sieht die Lancia Augusta, schon Anfang der dreißiger Jahre die erste Limousine weltweit mit selbsttragender Struktur und man bleibt hingerissen vor dem "Mäuschen", Dante Giacosas Ur-500 Topolino, stehen, der ähnlich dem VW Käfer in Deutschland den wirtschaftlichen Aufschwung Italiens nach 1945 verkörperte.

Aber wer pilgert nach Mirafiori, nur um Fiats Spezialität - kleine, praktische Autos - zu sehen? Natürlich sind auch spektakulär schöne und rassige Exemplare mit typisch italienischer Designhandschrift zu sehen. Im Themenbereich "Concept and Personalised Cars" sind das zum Beispiel das Abarth 2400 Coupé mit Alukarosserie von Alemanno mit dem Carlo Abarth, Schöpfer der Motorsportmarke mit dem Skorpion, zeigte, was in einem serienmäßigen Fiat an Potenzial steckte. Fast futuristisch mutet dagegen das Lancia Flaminia Coupé Loraymo an. Designer Raymond Loewy, dem die Welt auch die Ur-Form der Coca-Cola-Flasche verdankt, verließ die USA Mitte der fünfziger Jahre, zeichnete den BMW 507 und schließlich für Lancia dieses Coupé mit einem Kühlergrill, der eher an einen angriffslustigen Karpfen erinnert.

Überhaupt Lancia. Zum Thema "Records and Races" haben die Ausstellungsmacher nicht nur den ersten Rennwagen von Lancia aus dem Jahr 1908 - flankiert von zwei Rennmaschinen von Fiat und Alfa aus demselben Jahr - präsentiert. Es gibt auch neben Abarths silbernen Hochgeschwindigkeitsflundern das Grand Prix-Torpedo Lancia D50 von 1955 zu bestaunen. Allein die Anwesenheit eines Automobils erzählt schon eine Geschichte, wenn auch oft eine traurige. Denn die Abteilung "The Rally Era" erinnert nicht nur an eine Serie im Motorsport, die einst an Spannung fast die Formel 1 überflügelt hätte. Sie ist auch gespickt mit den Legenden Lancia Fulvia HF 1600, Sieger der Rallye Monte-Carlo 1972, dem Stratos, dem Delta. Als aus Fiat FCA wurde und Fahrzeuge der neuen US-Tochter Chrysler durch ein Lancia-Logo geadelt wurden, schien sich der Niedergang des großen alten Namens am Horizont abzuzeichnen. Wie sehr es Enthusiasten schmerzt, sieht man an der eigenwillig-optimistischen Bewegung "Make Lancia Great Again" des Eugenio Amos und seiner Neuschöpfung Lancia Delta Futurista.

Zum Heritage Hub als Drehscheibe der Traditionspflege in allen aktuellen Facetten gehört auch die noch junge Abteilung "Reloaded by Creators", die einem ähnlichen Trend in der Klassikerszene folgt wie beispielsweise bei Jaguar-Land Rover oder Aston Martin Works, bei der von den hauseigenen Fachkräften angekaufte und originalgetreu restaurierte und zertifizierte Klassiker aus der Markenwelt Fiats angeboten werden. Anders als das kleine Centro Storico Fiat in der ursprünglichen Fabrik aus der Gründerzeit der Marke, das sich auch dem frühen Flugzeugbau Fiats widmet oder dem berühmten Lingotto mit der alten Teststrecke auf dem Dach, befindet sich das Heritage Hub im Herzen von Mirafiori, nicht weit entfernt vom Mirafiori Motor Village als Kunden- und Erlebniszentrum. Und es dürfte dem 500-Designer und obersten Traditionspfleger Giolito gefallen, das FCA wieder Milliarden in Italien, speziell in den ausgedehnten Fabrikationsanlagen von Mirafiori investieren will, um hier die Produktion von Elektro- und Hybridautos voran zu bringen. Man kann sich ja von einigen Concept Cars im Heritage Hub inspirieren lassen.

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