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New Mobility: Oldtimer auf E-Antrieb umrüsten - E- statt H-Kennzeichen

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Der traditionelle Sportwagenhersteller Aston Martin hat mit Heritage EV eine Konversionsabteilung ins Leben gerufen Foto: Aston Martin

Viele Autofahrer mit Benzin im Blut stehen auf Kriegsfuß mit der E-Mobilität. Doch selbst für den Fahrer ganz alter Schule bietet sie reizvolle Facetten.

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Über 370.000 Fahrzeuge sind offiziell in Deutschland zugelassen, die mehr als 30 Jahre auf dem Buckel haben. Da für diese H-Kennzeichen-Träger Bestandschutz gilt, muss man als Young- beziehungsweise Oldtimerbesitzer eigentlich keine Fahrverbote fürchten, obwohl betagte Autos in der Regel ein bedenkliches Abgasverhalten an den Tag legen. Insofern besteht eigentlich keine Notwendigkeit, historische Schätzchen auf E-Antriebe umzurüsten. Doch genau dies kommt zunehmend in Mode.

Mit dem Wunsch einer Umrüstung steht man allerdings vor einem Dilemma: Für viele potenzielle Käufer des Garagengolds bemisst sich der Preis am Originalzustand. Je mehr historische Substanz erhalten bleibt, desto mehr kann man für ein altes Mobil verlangen. Das trifft auch auf den Motor zu. Wird der Original-Verbrenner entfernt und durch ein modernes Industrie-Elektroaggregat ersetzt, dürfte das viele Kaufinteressenten abschrecken. Echte Oldtimer-Fans sehen darin sogar ein Sakrileg. Einerseits. Andererseits macht eine E-Konversion manch altes Schnauferl attraktiver als bisher. So wird in den meisten Fällen ein E-Motor die Fahrdynamik verbessern, denn alte Verbrenner sind aus heutiger Sicht oft ziemliche Spaßbremsen. Außerdem verringern sich die Unterhaltskosten, denn E-Autos sind steuerbefreit. Und in der Regel fallen weniger Energiekosten an. Zudem werden die umgebauten Oldtimer alltagstauglicher. Wen ständiges Schrauben und die generell erhöhte Pannengefahr einer betagten Blechliesel nervt, wird sich über einen E-Umbau freuen, der aus launischen Diven wartungsarme und zuverlässige Autos macht.

Sicherheit bekommt man vor allem in Hinblick auf mögliche Fahrverbote. Mit einem wachsenden Bewusstsein für Klimaschutz und Luftverschmutzung in Städten könnten diese irgendwann möglicherweise auch Oldtimer treffen. Zwar verbessert ein E-Antrieb das Abgasverhalten deutlich, bezogen auf die CO2-Gesamtbilanz dürfte eine Umrüstung dem Klima allerdings wenig helfen, da die neuen Antriebskomponenten alles andere als CO2-neutral hergestellt werden.

Allgemein aber gilt E-Mobilität als große Lösung, um nationale CO2-Bilanzen aufzubessern. In einigen europäischen Ländern wurden deshalb bereits generelle Zulassungsverbote für Verbrenner beschlossen. Irland etwa plant dies für das Jahr 2045. Einige europäische Metropolen wie London wollen sogar schon früher drastische Einschränkungen für Verbrenner verhängen. In Großbritannien verstärken Autohersteller deshalb ihr E-Engagement. Wie etwa die Sportwagenmarken Aston Martin und Jaguar, die ihre Zukunft elektrisch planen - auch in Hinblick auf historische Fahrzeuge. So hat der traditionelle Sportwagenhersteller Aston Martin mit Heritage EV eine Konversionsabteilung ins Leben gerufen, die Ende 2018 zunächst einen fast 50 Jahre alten DB6 MkII Volante zum Stromer gewandelt hat. Dieser erste Wurf sollte die Machbarkeit demonstrieren. Über die Kosten wurden keine Angaben gemacht. Doch in Gaydon glaubt man an die neue Geschäftssparte, die man noch in diesem Jahr etablieren will. Der Clou: Die Elektrifizierungen sollen reversibel sein, was es dem Besitzer einer historischen Edelkarosse erlaubt, sie wieder in den antriebstechnischen Originalzustand zurückzuführen.

Einen ganz ähnlichen Plan verfolgt auch Jaguar. 2020 will man in die Kleinserienproduktion von elektrifizierten Jaguar E-Types einsteigen. Dabei soll die Kultkatze einen potenten Antrieb mit mehr als 300 PS bekommen, was zumindest die Sprintzeit des schlanken E-Type gegenüber dem Original-Verbrenner verkürzt. Der kann übrigens ebenfalls eingelagert und auf Wunsch zurückverpflanzt werden.

Ein ähnlich exklusives Umbau-Angebot bietet die englische Firma Evolution E-Types in Kooperation mit dem irischen Konversionsspezialisten Electrifi, die gemeinsam Restaurierung und Elektrifizierung von Jaguar E-Types durchführen. Das Ergebnis, das ebenfalls ab 2020 offiziell in Kleinstserienproduktion gehen soll, kann sich sehen lassen. Der stromernde Oldtimer leistet 336 kW/456 PS und sprintet in vier Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Allerdings verschlingt bereits ein Standardumbau über 400.000 Euro. Dafür lassen sich auch diese Umbauten wieder rückgängig machen.

Auch in Deutschland gibt es mittlerweile professionalisierte Umbauangebote heimischer Auto-Ikonen. Bestes Beispiel ist der Unternehmer Robert Tönnies, der auf der Seite www.retrokaefer.de sein Umbau-Netzwerk für VW Käfer Cabriolets aus den 70er-Jahren präsentiert. Leistungseckdaten und Preise sind deutlich bescheidener als bei Evolution E-Types: Eine 100 kW/136 PS starke E-Maschine treibt den VW auf maximal 150 km/h und dank 22-kWh-Batterie bis 150 Kilometer weit. Man kann diesen Umbau als Komplettpaket für 99.000 Euro bekommen. Alternativ werden auch Bodengruppen mit integriertem E-Antrieb ab 39.000 Euro angeboten, auf die Karosserien historischer Käfer passen. Für weitere 10.000 Euro kann man die ,,Hochzeit" auch den Profis überlassen.

Wesentlich bescheidener sind die Tarife der Firma Fleck Machines aus dem bayerischen Pfarrkirchen, die bereits Umbauten auf 48-Volt-Basis ab rund 14.000 Euro in Aussicht stellt. Batteriegrößen und Leistungsniveau der Motoren sind dann aber vergleichsweise bescheiden. Zum Stromer konvertieren kann Firmeninhaber Heiko Fleck nach eigenen Angaben eigentlich jedes Auto, wobei er einräumt, dass sich alte Autos mit einfacher Bordelektronik leichter umbauen lassen. Ob VW T2, Cinquecento, Trabi, Goggomobil oder 2CV - an vielen Kultmobilen - mehr als 400 sollen es mittlerweile sein - hat der Bayer bereits Hand angelegt.

Wer der Diskussion über Sinn und Unsinn von Oldtimer-Umrüstungen und den mit einem Umbau einhergehenden Aufwand minimieren will, könnte sich alternativ für ein neues E-Auto mit Retrooptik entscheiden. Im Kleinstwagen-Segment gibt es etwa die Projekte Nobe 100 (ab 37.000 Euro) und Microlino (ab 12.000 Euro), bei denen 50er-und 60er-Jahre-Flair modern interpretiert wurde. 2020 dürften beide Retro-Stromer marktreif sein. Auch im Sportwagen-Segment gibt es bereits einige Angebote, wie etwa von der britischen Firma Charge, die einen Ford Mustang im Stil des Shelby-Modells Eleanor nachbaut und mit äußerst potentem E-Antrieb ausstattet. Mit rund 335.000 Euro ist dieser lautlose Hingucker allerdings kein Schnäppchen. Es geht aber noch deutlich teurer: Rund eine Million Euro muss man investieren, wenn man sich einen Porsche 910e kaufen will. Dabei handelt es sich um einen Nachbau des Porsche 910 der deutschen Firma Evex, der von der österreichischen Firma Kreisel elektrifiziert wird. Neben einzigartiger Optik gibt es atemberaubende Fahrleistungen: 2,5 Sekunden dauert der Sprint, maximal sind 300 km/h und 350 Kilometer Reichweite drin.

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