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Impression: Range Rover V8 Urmodell trifft Range Rover V8 Supercharged - Wenn Gelände zur Nebensache

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Der alte Range Rover hat sich gut gehalten Foto: SP-X/Patrick Broich

Eigentlich hat der moderne Range Rover ein Retro-Design, auch wenn das vielen Auto-Enthusiasten im Alltag gar nicht bewusst ist. Höchste Zeit, ein Treffen der Generationen zu organisieren.

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Auch wenn die Menschen bei Range Rover das gar nicht gerne hören: Ihr Luxusgeländewagen ist beileibe keine Erfindung von Rover oder Leyland oder wie auch immer die Firma gerade hieß, die in den für die englische Autoindustrie wirtschaftlich schwierigen Sechziger- und Siebziger- Jahren des vergangenen Jahrhunderts gerade die Hoheit über das Konglomerat hatte, zu dem zwischenzeitlich rund zehn Marken gehörten. Die Überlegungen zu dem Projekt dürften spätestens in den Sechzigerjahren auf Hochtouren gelaufen sein, da hatte Jeep allerdings längst seinen mächtigen Wagoneer mit 5,4 Liter großem V8 auf den Straßen.

Doch der Range Rover, der seit 1970 dann tatsächlich zum Kauf angeboten wurde, markierte eine neue Segment-Ära, schon alleine in puncto Stil. Nicht amerikanisch-fett wie ein riesiger Burger, eher aristokratisch-zurückhaltend wie ein Lord trat er auf. Und zierlich war der erste Range Rover, maß gerade einmal 4,47 Meter in der Länge und war damit weit entfernt von den Dimensionen einer klassischen Oberklasse - selbst ein XJ kratzte an der Fünfmeter-Marke. Der alte Range Rover hatte Grandezza, ein Quäntchen Restkomfort - und durchaus veritable Gelände-Kompetenz mit Reduktion plus Differenzial-Sperre und immerhin 19 Zentimetern Bodenfreiheit.

Was beim aktuellen Range Rover, der gerne auch mal dazu genutzt wird, die Kinder von der Privilegierten-Schule abzuholen, zur Nebensache verkommen ist, war früher einmal der Zweck des Fahrzeugs: ein geländefähiges Auto mit feinem Motor und Komfort zu fahren, um bequem zum Landhaus zu gelangen - notfalls querfeldein. Schließlich begann der SUV-Trend erst, als schon die zweite oder dritte Generation Range Rover in den Startlöchern stand.

Das hier thematisierte Fotofahrzeug, ein etwas späterer Range Rover der ersten Generation mit vier Türen (die ersten hatten lediglich zwei), bringt noch die Ur-Optik mit. Kenner identifizieren die Vorfacelift-Modelle an den vertikal verlaufenden Streben im Kühlergrill. Aus heutiger Perspektive besteht der einzige Luxus dieses Range aus der Servolenkung und dem Achtzylinder unter der Haube.

Mit dem Einstieg in das betagte Fahrzeug kommen Erinnerungen hoch, wie Autofahren noch vor wenigen Jahrzehnten war - eine Welt, in der man weniger abgeschirmt von der Außenwelt weilte und es immer ein bisschen nach Benzin und Öl roch. Also, Gaspedal vor dem Start einmal durchdrücken, dann springt mit zwei Zenith-Stromberg-Vergasern ausgerüstete 3,5-Liter (99 kW/135 PS) prompt an, beweist ein nobles Achtzylinder-Timbre und läuft recht kultiviert. Die Kupplung geht weniger stramm als erwartet, aber der lange Schalthebel der Viergang-Box will mit Gefühl bedient werden und widersetzt sich gerne den Handbewegungen.

Der alte Range ist ein richtiger Geländewagen, so fährt er sich jedenfalls. Mit den 135 PS wirkt er zwar hinreichend souverän motorisiert, aber dennoch langsam. Als ob der glatte Asphalt schon ein bisschen Gelände sei, stakst der klanglich an ein teures Motorboot erinnernde Insulaner durch die Gegend, was natürlich Reifen und Fahrwerk geschuldet ist. Übrigens gab es seit Anfang der Achtziger auch ein Automatikgetriebe - der beginnende Marsch in Richtung Moderne.

Umstieg in das neue Modell. Hier ist Automatikgetriebe Pflicht, aber nicht nur das. Der Range Rover ist ein rollender Computer mit viel Mechanik unter dem Blech - begleitet von Elektronik, die alles steuert. Ein Range Rover ist heute so etwas wie eine eierlegende Wollmilchsau: extrem schnell, extrem gut im Gelände und überragend im Komfort. Man weiß gar nicht, wo man überhaupt anfangen soll, das Modell zu untersuchen und zu beschreiben. Vielleicht beim neuen Infotainment, das optisch zumindest heraussticht - es gibt jetzt zwei große TFT-Screens, über den fast alle Fahrzeug-Funktionen abgehandelt werden, auch die Steuerung der Sperren, wenn man wider Erwarten doch einmal den Asphalt verlässt.

Das soll in diesem Rahmen jedoch nicht passieren. Eine kleine Tour ist aber drin, und schon auf den ersten Metern fällt auf, dass der Fünfmeter-Liner eine wahre Raum-Oase darstellt - eigentlich perfekt für Ehepaare, die sich nichts mehr zu sagen haben, denn Fahrer und Beifahrer sitzen in dem 2,07 Meter breiten Range so weit voneinander entfernt wie in nur wenigen Autos. Der Fond lädt ein zu weiten Reisen, sowohl Dach wie Vordersitzlehnen sind zu weit weg, als dass man mit den Extremitäten anstoßen könnte. Das V8-Timbre des Urahnen scheint aber heute durch entferntes Gemurmel ersetzt. Nur wenn man den Fünfliter ausdreht, wird er kernig.

Dann kehrt der Range die Sportwagen-Seite heraus und presst seine Passagiere in die feinen Lederfauteuils, in denen man locker tausend Kilometer am Stück abspulen könnte. Binnen 5,4 Sekunden hämmert der 386 kW/525 PS starke Kompressor-Motor den mindestens zweieinhalb Tonnen schweren Kraxler auf Landstraßentempo. Wenn es sein muss, beschleunigt er sogar auf 250 km/h. Doch man muss mit dem luxuriösen Briten gar nicht hetzen, um glücklich zu werden, lieber zügig reisen und genießen, wie der auf Luftbälgen liegende Hightech-Kletterer Bodenwellen einfach wegschluckt. Natürlich alles elektronisch gesteuert und hochadaptiv - genauso wie die Achtstufen-Wandlerautomatik, die geschmeidig schaltet und per Drehknopf bedient wird, der nach dem Motorstart sirrend herausfährt. Nur bei der Fahrerassistenz muss Land Rover noch einmal ran - der adaptive Tempomat beispielsweise reagiert manchmal ruppig, was wenig zum sonstigen Charakter dieses Autos passt.

Es muss eine bittersüße Qual sein, einen heutigen Range Rover zu konfigurieren mit schier unzähligen Möglichkeiten. Wenn der Achtzylinder-Benziner feststeht, kann man immer noch diverse Ausstattungslinien sowie unfassbar viele Optionen wählen plus nahezu 50 Farben. Einen alten Range Rover zu kaufen, ist kaum weniger aufwendig, weil das Angebot knapp ist und man manchmal Monate oder Jahre warten muss, bis der Traum-Range Rover plötzlich zum Verkauf steht.



Range Rover - technische Daten:

Geländewagen, Gesamtbauzeit 1970 bis 1996, Länge: 4,47 Meter, Breite: 1,78 Meter, Höhe: 1,78 Meter, Radstand: 2,54 Meter

Vergaser-Version: 3,5-l-Achtzylinder-V-Benzinmotor, 99 kW/135 PS, maximales Drehmoment: 251 Nm bei 2.500 U/Min, 0-100 km/h: k.A., Vmax: 155 km/h, Viergang-Schaltgetriebe

Ehemaliger Neupreis:  ab 23.500 Mark

Heutiger Marktpreis nach Classic Data

Note 2: 25.800 Euro

Note 3: 14.000 Euro

Note 4: 5.700 Euro

Range Rover 5.0 V8 Supercharged  - technische Daten:

Geländewagen, Länge: 5,00 Meter, Breite: 2,07 Meter, Höhe: 1,87 Meter, Radstand: 2,92 Meter

5,0-l-Achtzylinder-V-Benzinmotor mit Direkteinspritzung und Kompressoraufladung, 386 kW/525 PS, maximales Drehmoment: 625 Nm bei k.A., 0-100 km/h: 5,4 s, Vmax: 250 km/h, Achtgang-Automatik (Wandler), Durchschnittsverbrauch: 12,9 l/100 km, CO2-Ausstoß: 294 g/km, Effizienzklasse: F, Grundpreis: ab 128.300 Euro

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