Motorsport

Zugucken dürfen alle, anfassen nur sechs

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mid Jyväskylä - So geben Sieger Gas: Pilot Ott Tänak und Sozius Martin Järveoja bei einer Wertungsprüfung. Toyota

Ortstermin im hohen Norden: Die Rally Finland gilt als Heimspiel von Toyota. Einblicke in eine volksnahe Motorsport-Art.

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Ein Kleiner ganz groß: Ausgerechnet mit seinem City-Hüpfer Yaris startet Toyota bei der Rallye-Weltmeisterschaft, wühlt sich von Finnland bis Argentinien tapfer über Schotterpisten und Waldwege. Nun gibt es böse Zungen die behaupten, dieses WRC-Rennauto habe nichts mehr mit dem braven Serienmodell gemeinsam. Das ist natürlich Unsinn. Zwei Teile sind nämlich durchaus identisch: Vorne das Toyota-Logo, hinten die dritte Bremsleuchte.

Darüber hinaus hat das Rennteam Toyota Gazoo Racing den Kleinwagen zugegebenermaßen etwas, nun ja: optimiert. Sein in Köln gefertigter 1,6-Liter-Turbomotor leistet brauchbare 380 PS, die sich auf alle vier Räder verteilen. Leicht ist der gut 1,6 Millionen Euro teure Zweisitzer dazu, wie leicht genau, gehört zu den am besten gehüteten Geheimnissen der Branche. Bekannt ist nur: Wenn der Wagen zu seinen Wertungsprüfungen in aller Welt rollt, wiegt er gemäß Reglement 1.250 Kilo - inklusive optimal, also tief und mittig installierter Ballastgewichte.

Seine Heimat hat Toyota Gazoo Racing im finnischen Jyväskylä, weshalb die jetzt gerade wieder gelaufene Rally Finland (richtig, mit einfachem y und einfachem n) als Heimrennen gilt. Ehrensache, dass Toyota-Pilot Ott Tänak und sein Sozius Martin Järveoja den Sieg nach Hause fuhren und ihren Vorsprung in der WM-Wertung ausbauten. Das aus Estland stammende Duo fühlte sich hier noch aus einem anderen Grund wie zu Hause: Traditionell pilgern viele ihrer Landsleute zu den Wertungsprüfungen rund um das mittelfinnische, gut 200 Kilometer nördlich von Helsinki gelegene Städtchen.

Was die insgesamt etwa 200.000 Fans für ihre 30 Euro Eintritt zu sehen bekommen, ist überaus spektaktulärer, dabei aber hautnah erlebbarer Motorsport: Mit Höchsttempo kacheln die Fast-Yaris, aber auch die Fahrzeuge von Hyundai, Skoda, Ford und Citroen, über die Feldwege, driften so nah durch enge Kehren, dass das Publikum den aufgewirbelten Sandstaub einatmet, springen meterhoch und -weit über Hügel. Die Motoren röhren, Fanfaren tröten, es ist eine Mords-Gaudi.

Die am zweiten Tag für eines der Toyota-Teams vorschnell zu Ende ging: Ein anderer Wagen von Toyota hatte schon am Morgen ein Rad ab, nämlich das links hinten. Das Team gab den Tag verloren und gewann laut Reglement somit drei Stunden Zeit, den Schaden zu reparieren. Dabei durften im Fahrerlager mitten in der Stadt dann beliebig viele Mechaniker der 100-köpfigen Toyota-Crew mit anpacken.

Normalerweise sind die Regeln während eines laufenden Renntages da strenger: Jedem der Werksautos sind sechs, an farbigen Armbinden erkennbare, Leute zugeteilt, nur sie dürfen während der kurzen erlaubten Wartungspausen das Fahrzeug berühren. Dabei müssen sie sich nicht nur wegen der Zeitnot auf kleinere Arbeiten beschränken; größere Operationen wie ein Motortausch sind vom Reglement her tabu.

In Jyväskylä dängten sich hunderte Motorsport-Fans und Schaulustige um die Teamzelte, um die Arbeiten zu beobachten. Überhaupt ist der Ralley-Sport eng mit der Umgebung verknüpft, in der er stattfindet: Wenn die Zuschauer von einer der Wertungsprüfungen über sonst einsame Landstraßen zurückfahren und einen der seltenen Staus in der Weite Finnlands verursachen, dann knattern die kleinen Rennautos hektisch an ihnen vorbei. Polizei-Eskorten bahnen ihnen den Weg. Hier gilt's einem gesellschaftlichen Zweck: Schließlich müssen die Motor-Heroen pünktlich zur nächsten Wertungsprüfung antreten, bei Verspätung setzt es Strafminuten.

In Deutschland ist soviel naturverbundene Liebe zum Verbrennungsmotorsport derzeit eher unüblich: Der Lauf zur WRC findet im Saarland über Asphaltpisten statt und schreckt somit keine Waldameisen hoch. Immer wieder sind auch Hybrid-Antriebe anstelle der hochgezüchteten Benziner im Gespräch.

Bei der verwandten Motorsportart, dem Rallye-Cross, sollen sie ab 2022 schon eingesetzt werden. Die gilt Manchem auch aus einem anderen Grund als Rallye-Form der Zukunft: Die Autos fahren auf einem kurzen, für Zuschauer gut einsehbaren Rundkurs, und liefern sich jene Würze des Motorsports, die klassischen Feld-, Wald- und Wiesen-Rallye fehlt: spektakuläre Überholmanöver.

Auch bei der Rally Finland fuhr jeder für sich und nur gegen die Uhr. Die Begeisterung des Publikums hat's nicht gebremst.

Marcus Efler / mid

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