Oldtimer

Panorama: Benz Victoria von 1884 - Alte Dame, gut in Schuss

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Die alter Dame Victoria von 1884 ist noch gut in Schuss Foto: SP/X/Benjamin Bessinger

Von wegen Ruhestand. Die Benz Victoria von 1884 aus dem PS-Speicher in Einbeck gilt zwar als das älteste originale Auto der Republik. Aber deshalb zählt die Motorkutsche längst nicht zum Alten Eisen. Sondern der Oldtimer ist noch regelmäßig auf der Straße unterwegs - seit diesem Frühjahr sogar mit Brief und Siegel.

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Alexander Gütermann war ein Mann des Fortschritts. Nicht nur, dass der Magnat sein Nähseiden-Imperium mit den neuesten Maschinen am Laufen hielt. Sondern als er zum ersten Mal von einem gewissen Carl Benz und seinen Motorwagen hörte, war er Feuer und Flamme von der neuen Form des Fortschritts - und einer der ersten Kunden: 1894 kauft er deshalb die Benz Victoria mit der Seriennummer 99 und überführt den Wagen eigenhändig von Benz' Werkstatt in Ladenburg bei Mannheim an seinen 200 Kilometer entfernten Wohnsitz in Gutach im Breisgau. Zwar war Gütermann fest von der Zukunft überzeugt und hat sich von der Begeisterung für die Motorisierung anstecken lassen. Doch so hundert Prozent vertrauen wollte er der Victoria offenbar nicht. Denn nur zur Sicherheit und damit er nicht laufen muss, hat der Industriemagnat das gleiche Gefährt bei Benz auch noch einmal ohne Motor als Kutsche bestellt.

Während Gütermann den Blick stets nach vorne gerichtet hat, schaut Karl-Heinz Rehkopf gerne zurück. Zumindest auf der Straße. Denn der Niedersachse, der sein Geld mit Teppichfliesen gemacht hat, zählt zu den größten Autosammlern der Republik. Was beide eint, auch wenn sie über 100 Jahre trennen, das ist die Liebe zur Victoria, die Rehkopf vor zehn Jahren quasi aus ,,erster Hand" von Gütermanns Erben gekauft und zu einer der größten Attraktionen seines PS-Speichers in Einbeck gemacht hat.

Als ältestes im Original erhaltenes Auto Deutschlands hätte die schwarze Kutsche zwar eine ruhige Zeit in ihrer großen Vitrine verdient. Doch kann weder von Ruhe noch von Stand die Rede sein. Denn immer wieder muss Andrey Koylov aus der Museumswerkstatt den Viersitzer in den Aufzug schieben und unten im Hof den laut knatternden und schnaufenden Motor anlassen. Schmierung und Kühlung prüfen, Benzin einfüllen und die mit Kalilauge gefüllte Batterie anklemmen, mit zwei, drei Umdrehungen am großen Schwungrad die Kompression aufbauen, das Gemisch und die Zündung einstellen und dann mit ganz viel Kraft so lange am Rad drehen, bis der Funke überspringt. Dann schüttelt sich die Victoria kurz, sie schnauft und schnattert, und dann läuft die Zeitmaschine mit 100, 200 Umdrehungen pro Minute - und katapultiert einen mit Vollgas in die Vergangenheit.

Eine Kupplung gibt es noch nicht. Geschaltet wird, in dem man zwei unterschiedlich lange Lederriemen aufs Schwungrad gleiten lässt, gelenkt wird mit einer Kurbel und Gas geben tut man mit einem kleinen Hebel unter dem Sitz. Das klingt kompliziert und hat mit Autofahren, wie wir es heute kennen, noch nicht viel zu tun. Aber es funktioniert auch im Jahr 125 nach der Jungfernfahrt.

Und wie: Bis nach Pebble Beach in Kalifornien hat es der Klassiker bereits geschafft, zweimal schon ist er den legendären Veterans Run von London nach Brighton gefahren - und seit diesem Frühjahr fährt er sogar mit Brief und Siegel regelmäßig durch Einbeck. Nicht umsonst schließlich war Rehkopf mit ihr im April erst beim TÜV und dann bei der Landrätin und fährt nun amtlich das älteste zugelassene Auto Deutschlands.

Am Gesamtzustand des Wagens hatten die Prüfer zwar nichts auszusetzen: Rost kennt die Victoria keinen, weil sie noch komplett aus Holz und Leder gebaut ist, die gebrochene Kurbelwelle, die Rehkopf als einzigen ernsthaften Schaden zu beklagen hatte, ist längst ersetzt, und obwohl es reichlich Gelegenheit gegeben hätte in über 100 Jahren, findet sich von den hüfthohen Speichenrädern aus Holz über das Faltverdeck aus Leder bis zu den liebevoll aufgepolsterten Kissen auf der Bank kein Teil am Auto, das nicht Original ist. Selbst der ,,getunte" Einzylinder, den sich Gütermann 1901 hat nachrüsten lassen, weil ihm Drei Liter Hubraum und sechs PS lieber waren als zwei Liter und vier PS, stammt aus der Benzschen Werkstatt.

Doch so ganz ohne Einschränkungen haben sie Rehkopf dann doch nicht auf die Straße entlassen. Weil in den Laternen nur Kerzen stecken, darf die Victoria nur bei hellem Licht und guter Sicht fahren und weil ihr der Blinker fehlt, muss Rehkopf mit einem Winker die Fahrtrichtung anzeigen. An die Auflagen hält sich der Besitzer peinlich genau. Denn die Victoria ist quasi polizeibekannt und einschlägig vorbelastet: Wo ihre gerade eben vom TÜV amtlich bestätigten 30 km/h Höchstgeschwindigkeit heute eher beschaulich wirkt, war sie dem Oberamtmann Krohn vom Badischen Bezirksamt Waldkirch am 16. Mai 1895 bei der Fahrt durch Denzlingen offenbar viel zu schnell. Dass in einer ,,Wirtschaft die Vorhänge flatterten" war ihm Grund genug für eine Buße von drei Mark und den ersten Strafzettel in der Geschichte des Autos. Und so gerne sich Rehkopf um Ruhm und Ehre für die Victoria müht, möchte er zumindest in dieser Kategorie keine weiteren Punkte mehr machen.

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