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Panorama: Mercedes 320n Kombinationscoupé - Schneewittchen in Schönheit erwacht

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Das Mercedes 320n Kombinationscoupé ist eine Rarität Foto: Mercedes

Restauriert haben sie ihn schon vor über 30 Jahren. Doch dann hat die Mercedes-Museumsmannschaft das traumhaft schöne Kombinationscoupé des 320n irgendwie aus den Augen verloren - und 13 Jahre lang im Depot vergessen. Aber jetzt durfte die schlafende Schönheit doch noch einmal ans Licht: Zur späten Jungfernfahrt auf dem 17-Miles-Drive in Pebble Beach.

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Mit einem Flügeltürer muss man ihnen hier auf dem 17-Miles-Drive nicht kommen. Erst recht nicht rund um den Concours d'Elegance in Pebble Beach. Denn vom Mercedes 300SL haben sie hier auf der vielleicht berühmtesten Flaniermeile der Autowelt schon mehr als genug gesehen. Doch hier und heute sind Michael Plag viele neugierige Blicke sicher. Schließlich sitzt der Spezialist aus der Museums-Werkstatt in Stuttgart diesmal nicht im Flügeltürer oder einem der vielen anderen bekannten Mercedes-Klassiker. An diesem Nachmittag im Vorfeld des Concours ist er mit einem traumhaft schönen 320n Kombinationscoupé unterwegs, das hier noch kaum jemand gesehen haben dürfte.

Dass der Wagen bei dem ansonsten durchaus fachkundigen Publikum entlang der Straßen von Pebble Beach weitgehend unbekannt ist, darf man den Passanten nicht übelnehmen. Denn erstens ist der Zweitürer aus dem Jahr 1938 tatsächlich eine Rarität. Und zweitens hat Mercedes selbst ihn über lange Zeit vergessen. Zumindest dieses spezielle Exemplar, das Plag jetzt gerade am Bird Rock vorbei Richtung Spanish Bay steuert: Zwar wurde das Schmuckstück bereits vor über drei Jahrzehnten komplett restauriert, aber dann haben es die Schwaben irgendwie aus den Augen verloren: ,,13 Jahre stand der 320er unberührt im Depot", berichtet Plag und kann sich selbst nicht so recht erklären, wie die Schönheit zum Schneewittchen mit Stern wurde.

Doch pünktlich zum Concours d'Elegance haben sie in Stuttgart die schlafende Schönheit wach geküsst und zu einer Ausfahrt in Amerika eingeladen. Und so, wie es wahrscheinlich keine bessere Strecke für die verspätete Jungfernfahrt gibt, als den 17-Miles-Drive, so gibt es für diese Straße entlang der tosenden Pazifik-Brandung auch kaum ein besseres Auto als ein Kombinationscoupé. Denn mit seinem abnehmbaren Hardtop ist der Zweitürer nicht nur so etwas wie der indirekte Urahn der SL-Familie. Vor allem ist er dabei perfekt für die vielen Witterungen gerüstet, die einem an diesem eher rauen Abschnitt der kalifornischen Küste begegnen können: Feucht, kalt und neblig am Morgen und deshalb gerne mit Dach oder glühend heiß unter der prallen Sonne am Nachmittag, wenn das Verdeck schön brav daheim in der klimatisierten Garage bleibt.

Das Kombinationscoupé stammt aus der Baureihe W 142, die Mercedes im Februar 1937 auf der Internationalen Auto- und Motorrad-Ausstellung (IAMA) in Berlin enthüllt hat. Mit kurzem und langem Radstand erhältlich und in einem knappen Dutzend Karosserievarianten angeboten, sollte sie als 320er die Lücke schließen zwischen den Wagen der Mittelklasse und den Wagen größten Formats, schreibt die ,,Allgemeine Automobil-Zeitung" zur Premiere. Zugleich setzt Mercedes damit einen neuen Akzent in einer damals von großem Wettbewerb geprägten Fahrzeugklasse. Starke Mitstreiter sind traditionell Horch mit den Typen 930 V und 830 BL, Opel mit dem ebenfalls zum gleichen Zeitpunkt neu erscheinenden Typ Admiral sowie Ford mit dem 3,6-Liter-V8.

Dabei zählt das Kombinations-Coupé mit seinem abnehmbaren Dach zu den exklusivsten Varianten: Während die Limousine mit dem langen Radstand bereits für 8.950 Reichsmark angeboten wird und das kurze Cabriolet 11.800 RM kostet, steht das Cabrio für Unentschlossene mit 12.300 RM In der Preisliste.

Auch das mag ein Grund dafür sein, dass der mit einem ,,n" hinter dem Kürzel geführte kurze Radstand beim 320er nicht so recht ankommt: Während von der gesamten Baureihe zwischen 1937 und 1942 knapp 7.000 Autos produziert werden, baut das Werk in Untertürkheim 1937 und 1938 gerade einmal 19 Exemplare des 320 n und lässt ihn schon 1939 aus der Preisliste verschwinden.

An seinem Design jedenfalls kann es nicht gelegen haben. Denn der 320er ist eine Schönheit, die noch heute jeden Blick fängt. Klassischer Grill mit leichter Pfeilung, freistehende Scheinwerfer, endlos geschwungene Kotflügel, die entlang der ewig langen Haube zur Trittbrettern werden, bevor sie sich hinten wieder über die Speichenräder schwingen, dazu Türen, die gegen die Fahrtrichtung öffnen, eine satte Zweifarb-Lackierung und mehr Chrom als an jedem Neuwagen von heute - fertig ist eine Schönheit, die für den Schneewittchenschlaf viel zu schade ist.

So schnittig und sportlich der 320er allerdings auch aussieht, ist das eher eine Täuschung. Denn der Reihensechszylinder läuft mit seinen 12 Gegengewichten an der Kurbelwelle zwar wunderbar rund und komfortabel. Aber mehr als 78 PS sind dem 3,2 Liter-Triebwerk beim besten Willen nicht zu entlocken. Da mag man noch so gut mit dem ersten synchronisierten ZF-Getriebe zurechtkommen, das die Schwaben damals eingebaut haben, und der Fallstromvergaser mag die Gasannahme verbessern - aber schnell fahren ist mit dem 320er nicht drin und auf den paar wenigen, aber dafür umso steileren Steigungsstrecken des 17-Miles-Drives kommt man ganz schön ins Schwitzen. Nicht wegen des Tempos, sondern wegen der anderen Autos, die einem dabei im Nacken sitzen. Nur gut, dass man hier nirgends schneller als 50 fahren darf. Denn mit 130 km/h Spitze ist der 320er selbst für das Mutterland des Tempolimits zu langsam, zumal er diese Geschwindigkeit heute wahrscheinlich nicht mal mehr mit Anlauf auf einem langen Gefälle erreicht.   

Dennoch ist die Ausfahrt ein Traum und der 320n erweist sich bei seiner neuerlichen Jungfernfahrt mehr als 80 Jahre nach der Auslieferung als Traumwagen, den Plag nach dieser Ausfahrt sicherlich nicht noch einmal für 13 Jahre in den Tiefschlaf versetzen wird. Aber nochmal mit nach Pebble Beach kommt das Kombinationscoupé deshalb wohl auch nicht. Schließlich gibt es in Stuttgart noch genügend andere Alternativen für eine Ausfahrt auf dem Laufsteg der automobilen Eitelketen. Nur welche er davon im nächsten Jahr wählen wird, kann Plag beim besten Willen noch nicht sagen. Doch bei einem runden Dutzend Hallen voller Oldtimer, die Mercedes am Stammsitz unterhält, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es noch ein paar Schneewittchen gibt, die nur darauf warten, für eine Fahrt in Pebble Beach wachgeküsst zu werden.

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