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New Mobility: Skoda in Tel Aviv - Innovationen aus Israel

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  • 30. Oktober 2019, 11:10 Uhr
  • Michael Gebhardt/SP-X
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Mit seinem DigiLab geht Skoda in Israel auf die Suche nach neuen Partnern und Entwicklungen, die das Leben leichter machen Foto: Skoda

Silicon Valley war gestern, inzwischen tummelt sich die Start-up-Szene in Tel Aviv. Mit seinem DigiLab geht Skoda in Israel auf die Suche nach neuen Partnern und Entwicklungen, die das Leben leichter machen - den Autofahrern, aber auch dem Hersteller selbst.

Ziemlich klein, keine nennenswerten Bodenschätze, wenig fruchtbares Land und eingekesselt von Nachbarstaaten, mit denen das Land nicht gerade ein freundschaftliches Verhältnis pflegt - die geografische und politische Lage Israels ist wahrlich nicht die beste. Dass der Staat trotzdem zu einer florierenden Industrienation aufgestiegen ist, hat er auch dem Erfindergeist seiner Einwohner zu verdanken. Einst wurden hier die Tröpfchenbewässerung entwickelt, Galia-Melone und Cherry-Tomate entwickelt und der USB-Stick erfunden, heute präsentiert sich Israel und insbesondere Tel Aviv als Hightech-Standort Nummer eins. 6.000 Start-ups sitzen in Israel, mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Über zehn Prozent davon beschäftigen sich auch oder ausschließlich mit dem Thema Mobilität. Das lockt freilich auch die Autobauer in das Land, das keinen einzigen einheimischen Fahrzeughersteller vorweisen kann. Vor knapp zwei Jahren hat Skoda in Tel Aviv zusammen mit seinem Importeuer-Partner Champion Motors ein DigiLab ins Leben gerufen. Eine Zukunftsschmiede, die inzwischen beachtliche Erfolge vorzuweisen hat.

Im Vergleich zu vielen anderen Denkstuben setzt Skoda in Tel Aviv vor allem auf die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Start-ups, die bereits ziemlich konkrete Produkte in petto haben. ,,Wir rennen nicht jeder verrückten Idee nach", so Skoda-Vorstandsvorsitzender Bernhard Maier am Rande des Tel Aviver Smart Mobility Summits, einem Stelldichein der Innovationstreiber. Auch kaufe Skoda die Unternehmen nicht oder investiere viel Geld. Stattdessen versuchen die Tschechen, zusammen mit den Jungunternehmern die Konzepte zur Serienreife zu bringen und die Integration ins Auto zu realisieren. Andre Wehner, bei Skoda zuständig für die Digitalisierung, erklärt: ,,Unser Lab bietet den Start-Ups ein optimales Umfeld, um interessante Ideen und Projekte zu entwickeln, deren Umsetzung wir mit unserem Know-How unterstützen." Das Ziel dahinter: Skoda vom Autobauer zur ,,Simply Clever Company für beste Mobilitätslösungen" zu machen, so Maier.

Anders als im Prager DigiLab, wo inzwischen rund 40 Mitarbeiter versuchen, in die Zukunft zu blicken, ist das Team in Tel Aviv klein. Sehr klein. Gerade mal zu dritt gehen sie auf die Suche nach neuen Partnern. Doch sie sind schon fündig geworden! Zum Beispiel bei Anagog. Das Unternehmen ist führend auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz und hat eine Software entwickelt, die jedem Smartphone eine immense Datenmenge entlocken kann. Damit lassen sich unter anderem freiwerdende Parkplätze vorhersagen: Wer mit dem Auto unterwegs ist, parkt, in ein Büro geht, und nach drei Stunden wieder den Weg Richtung Auto einschlägt, fährt wahrscheinlich auch weg. Genau das zeigt die neue, schon veröffentlichte Skoda App Citymove an und hilft damit anderen Autofahrern bei der Suche nach einem Stellplatz. Von dieser Idee war man in Prag so begeistert, dass Maier sogar eine Ausnahme gemacht hat, und Anteile an Anagog erworben hat.

Direkten Bezug zum Auto hat unter anderem die Entwicklung von Silentium: Die Forscher haben ein Noise-Cancelling-System ersonnen, das im Fahrzeug den Motorlärm oder die Geräusche der Klimaanlage durch Gegenschall unterdrücken kann. Gleichzeitig ermöglicht es die Software, dass die Passagiere auf allen Plätzen unterschiedliche Musik hören können, ohne dass die jeweils anderen Mitfahrer davon etwas mitbekommen. Die Technik funktioniert mit den herkömmlichen Autolautsprechern und könnte bald in Serie gehen, genauso wie die neue Innenraumüberwachung von Guardian: Mit einer Kamera am Dachhimmel lassen sich viele Funktionen, die sonst einzelne Sensoren benötigten, bündeln. Unter anderem erkennt das System ob man angeschnallt ist, ob der Fahrer die Hände am Lenkrad hat, wo er hinschaut, aber auch ob ein Kindersitz richtig befestigt ist. Der Vorteil darin liegt freilich eher beim Autobauer als beim Kunden: Die Kosten für die Guardian-Technik sollen gegenüber einzelnen Systemen um die Hälfte niedriger sein.

Generell strecken die DigiLab-Scouts ihre Fühler in verschiedene Richtungen aus. Die Citiymove-App, Techniken, wie das Noise-Cancelling von Silentium oder die von ContinUse entwickelte Kamera, die im Auto einen Medizin-Check durchführen kann und unter anderem hochpräzise Informationen über Puls, Blutdruck, Atemfrequenz und mehr liefert, sind Services und Angebote, die sich direkt an den Kunden verkaufen lassen; denkbar wäre zum Beispiel ein Health-Paket als Sonderausstattung. Anderer Startups, wie Guardian, helfen dem Hersteller, günstiger zu produzieren. Dazu zählt auch Seebo, die ein System entwickelt haben, dass die Produktion überwacht, Schwachstellen und gleichzeitig die Gründe dafür aufspürt, und Ausfälle vorhersagen kann. So kann der Autobauer rechtzeitig reagieren.  

Aber auch bei der Verwaltung setzt Skoda an: Zusammen mit Intervyo entwickeln die Tschechen ein Tool, das automatisierte Bewerbungsgespräche führt. Statt mit jemanden aus der Personalabteilung, unterhält sich der potentielle neue Mitarbeiter zunächst am Computer mit einem Avatar. Die Software dahinter arbeitet mit künstlicher Intelligenz und achtet nicht nur auf den Inhalt der Antworten, sondern auch auf Mimik und Sprache. Ein Algorithmus sortiert die Bewerber dann nach individuellen Kriterien vor und reduziert so die Anzahl der nötigen, persönlichen Gespräche. Die Zeit, bis eine Stelle neu besetzt werden kann, soll damit um bis zu 82 Prozent gesenkt werden. Und vielleicht kann von dieser Technik ja auch bald das DigiLab in Tel Aviv profitieren, und den drei Mitarbeitern ein paar virtuelle Kollegen ins Büro setzen. Die könnten dann schonmal vorfühlen, welche spannende Entwicklungen noch so in den Schubladen der zahlreichen Start-ups schlummern.  

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