Motorrad

Test: Piaggio Medley 125 - Große Klappe, noch mehr dahinter

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Mit 11 kW/15 PS schöpft der neue Medley-Antrieb - es handelt sich um den konzerneigenen i-get-Einzylinder mit Flüssigkeitskühlung - das Limit für Leichtkraftfahrzeuge vollständig aus Foto: Thomas Maccabelli

Piaggio präsentiert die zweite Generation des Großradrollers Medley 125 und erhöht den Druck auf den Honda SH 125.

Vier Jahre ist es her, dass Piaggio mit dem Medley 125 in das Segment der Großrad-Scooter vorgestoßen ist. Der Platzhirsch aus Japan; der Honda SH 125 regierte in dieser Klasse unangefochten. Piaggio agierte geschickt - und hatte Erfolg: Die deutsche Zulassungsstatistik 2019 weist für den bisherigen Medley 125 ein Jahresergebnis von 530 Fahrzeugen aus, für den Honda SH 125 werden 529 Stück genannt. Im vierten Jahr seiner Existenz hat es der Piaggio Medley zumindest hierzulande geschafft, zum Klassenprimus aufzuschließen. Für die italienischen Ingenieure ist dieser Erfolg aber nicht genug: Sie wollen in Führung gehen, und dafür haben sie dem Medley viel Feinschliff zukommen lassen. Vor dem Honda liegt er nun in zwei Punkten: Der Motor ist deutlich stärker und der Stauraum unterm Sitz spürbar größer.Mit 11 kW/15 PS schöpft der neue Medley-Antrieb - es handelt sich um den konzerneigenen i-get-Einzylinder mit Flüssigkeitskühlung - das Limit für Leichtkraftfahrzeuge vollständig aus. Bislang waren nur 9 kW/12 PS geboten. Der Kraftzuwachs ist beim Fahren deutlich spürbar: Der neue Medley zieht kräftig an und inszeniert sich auf Wunsch problemlos als Ampelsprinter. Noch nicht einmal das serienmäßige Start-Stopp-System ist dabei Spielverderber: Der Motor springt tatsächlich schon bei einem geringen Dreh am Gasgriff wieder an, und zwar erstaunlich leise.Grund dafür ist eine Piaggio-Neuentwicklung, die den herkömmlichen Startermotor ersetzt. Weitere Vorteile des neuen Systems sind das geringere Gewicht und der reduzierte Treibstoffverbrauch. Vorteilhaft ist das Leistungsplus auch für das Spitzentempo; bislang betrug es lediglich 90 km/h und war zu gering für Landstraßenfahrten. Jetzt weist das Datenblatt eine Höchstgeschwindigkeit von 99 km/h aus, womit man voraussichtlich gut leben kann. Gut ist auch, dass der Medley bereits alle Erfordernisse der Emissionsnorm Euro 5 erfüllt; homologiert ist er dieses Jahr aber noch nach Euro 4, was aber keinen Nachteil darstellt.Der dichte Verkehr in und um Genua machte deutlich, dass die zweite Generation des Medley 125 ein perfekter Roller für den städtischen Bereich ist: Seine Fahrstabilität ist dank der großen Räder vorbildlich, ohne dass die Wendigkeit darunter nennenswert leiden würde. Wobei die Änderungen am Fahrwerk gegenüber dem Vormodell marginal sind; die Federwege sind identisch, das Ansprechverhalten der Federung erscheint aber nochmals feinfühliger. Geringfügig gewachsen ist der Hinterreifen: Jetzt ist er 12 Zentimeter breit, vorher waren es nur elf. Sehr gut gelungen sind Sitzposition sowie die Ausformung der Sitzbank. Dass das Fahrzeuggewicht von 140 auf 144 Kilogramm gestiegen ist, blieb beim Fahren wie beim Rangieren nicht spürbar.Ein großer Unterschied zwischen den Generationen eins und zwei offenbarte sich dagegen beim Blick unter die Sitzbank: Der Stauraum ist nochmals gewachsen, so dass dort jetzt tatsächlich zwei Integralhelme Platz finden. 36 Liter Stauvolumen gibt Piaggio an, acht Liter mehr als beim renommierten Marktführer aus Japan.Einen weiteren Schritt nach vorne macht der Medley 125 durch die Ausrüstung mit einem LED-Scheinwerfer sowie beim Blick auf das Informationsdisplay im Cockpit: Das LCD-Instrument ist neugestaltet und lässt sich gut ablesen. Alle nötigen Informationen sind abrufbar. Wer die 100 Euro Aufpreis erfordernde S-Version des Medley 125 wählt, bekommt außer roten Federn und ein paar hübsch anzuschauenden roten Applikationen an den Verkleidungsteilen auch die Konnektivität des MIA-Systems geliefert; damit lässt sich das Smartphone integrieren. Eine USB-Buchse im Frontfach ist selbstverständlich vorhanden. Zumindest auf den riesigen Roller-Parkflächen Italiens ist der bei der S-Version integrierte ,,Bike-Finder" ein Vorteil, lässt sich damit doch der eigene Scooter leichter identifizieren.Im praktischen Umgang zeigt sich der neue Medley 125 mit einem Basispreis von 3.800 Euro als rundum gelungen: Weder am Aufbocken auf den Hauptständer noch am gut zugänglichen Seitenständer gibt es etwas zu mäkeln, auch Spiegel oder der Haltegriff für den Passagier funktionieren tadellos. Ausgezeichnet abgestimmt sind die Bremsen mit je einer Scheibe vorne und hinten sowie einem ABS fürs Vorder- und Hinterrad. Auch der Benzinkonsum überzeugt: Piaggio nennt 2,4 Liter pro 100 Kilometer; der Wert ist bei ruhiger Fahrweise durchaus erreichbar.Den Piaggio-Entwicklern ist mit dem neuen Medley 125 - es gibt ihn auch als geringfügig stärkere 150 Kubik-Version - ein gut anzuschauender, vor allem aber hochfunktionaler Leichtkraftroller gelungen. Damit dürfte das Rennen um die Käufergunst zwischen dem etablierten Honda SH 125 und dem Herausforderer Piaggio Medley 125 künftig noch spannender werden als bisher.

Technische Daten Piaggio Medley 125Motor:  Flüssigkeitsgekühlter Einzylindermotor, 124,7 ccm Hubraum, 11 kW/15 PS bei 9.000 U/min., 12 Nm bei 6.500 U/min; vier Ventile/Zylinder, sohc, Einspritzung, radiale Fliehkraftkupplung, CVT-Riemengetriebe.Fahrwerk: Stahlrohrrahmen, Antriebseinheit mittragend; Telegabel vorne, 8,8 cm Federweg; Triebsatzschwinge hinten, zwei Federbeine, Vorspannung manuell einstellbar, 7,6 cm Federweg; Leichtmetall-Gussräder; Reifen 100/80-16 (vorne) und 120/70-14 (hinten). 26 cm Einscheibenbremse vorne, 24 cm Einscheibenbremse hinten.Assistenzsysteme:  ABS.Maße und Gewichte: Radstand 1,39 m, Sitzhöhe 79,9 cm, Gewicht fahrfertig 144 kg; Tankinhalt 7 l.Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit 99 km/h.Preis: ab 3.800 Euro inkl. Nebenkosten.

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