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Panorama: Mit zwei britischen Ikonen unterwegs durch Schottland - Kälte und Kurven

  • In AUTO
  • 21. Februar 2020, 11:03 Uhr
  • Benjamin Bessinger/SP-X
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Wenn man mit einem Range Rover aus den 1970ern und einen nagelneuen Morgan 3Wheeler mitten im Winter auf Nebenstraßen die schottische Küste umrunden will, braucht es schon reichlich schrägen Humor Foto: SP-X/Benjamin Bessinger

Sag zum Abschied leise ,,goodbye'.  Kurz bevor sich die Briten aus der EU geschlichen haben, waren wir noch einmal mit zwei englischen Ikonen auf einer Tour durchs Königreich, wie sie typischer kaum sein könnte.

Brexit, Brexit, Brexit - eigentlich sollten wir froh sein, dass das Thema endlich durch ist. Doch auch wenn der Anfang vom Ende jetzt tatsächlich gemacht ist, bedeutend das Goodbye der Briten eine Zäsur, die Anlass bietet zur Rückschau - auch aus einer automobilen Perspektive. Denn selbst wenn seit dem Beginn der Massenmotorisierung ziemlich viel Elend aus England gekommen ist, haben die Briten auch ein paar Ikonen auf die Räder gestellt, ohne die es auf den Straßen deutlich langweiliger und einfältiger zugehen würde. Mit zweien davon sind wir kurz vor dem Brexit zu einer Abschiedstour gestartet, wie sie britischer kaum sein könnte. Denn es braucht schon reichlich schrägen Humor, wenn man mitten im Winter auf Nebenstraßen die schottische Küste umrunden will. Erst recht mit einem Range Rover aus den 1970ern und einen nagelneuen Morgan 3Wheeler.Beide Autos stehen für zwei Eigenschaften, die typisch sind für die britische Automobilindustrie. Denn der Range Rover, der in diesem Jahr seien 50. Geburtstag feiert, hat nicht nur den Aufstieg des Geländewagens vom unverwüstlichen Arbeitstier zum prunkvollen Statussymbol eingeleitet, sondern er steht genau wie die Modelle von Rolls-Royce oder Bentley auch für Glanz und Gloria und dafür, dass Autos auch Schlösser auf Rädern sein können. Und der Morgan beweist, wie sympathisch der Starrsinn der britischen Autobauer sein kann. Denn so, wie Lotus seit Jahrzehnten um jedes Gramm ringt oder Ariel den Purismus predigt, weigert sich Morgan schon seit über 100 Jahren standhaft zu akzeptieren, dass ein Auto partout vier Räder braucht. Und auch die kleinen Stückzahlen und der ewige Kampf ums Überleben sind irgendwie typisch für die Autofirmen von der Insel.Genau wie die Reise, auf die sie nun gehen sollen. Denn die als Touristenroute relativ neu ins Leben gerufene NC500, die von Inverness aus in 500 Meilen einmal an der Küste entlang um die schottische Nordspitze führt, zeigt einem das Königreich auf eine ausgesprochen abweisende und trotzdem einnehmende Art - erst recht im Winter. Das mag widersprüchlich klingen, aber es stimmt. Denn auf den auf den ersten Blick hat es wenig Schönes, bei Sturm und Schnee, Regen und Nebel auf schlecht asphaltierten Feldwegen, die sich anmaßen Straßen sein zu wollen, in endlosen Kurven und Kehren einer zerklüfteten Küstenlinie zu folgen, wenn man auch auf einer gut ausgebauten vierspurigen Straße in einem Bruchteil der Zeit von A nach B kommen könnte. Doch wer zum zweiten Mal hinschaut und sich einlässt auf dieses Abenteuer, der sieht Landschaften und Lichtstimmungen von einer Dramatik, Stille und Schönheit, wie sie keine andere Region Europas zu bieten hat. Und vor allem von einer ungeahnten Vielfalt. Denn oft reicht eine Kurve oder eine Kuppe und man fährt in einer anderen Welt.Zur Kälte gesellt sich dabei schnell ein Gefühl von Einsamkeit. Kein unangenehmes Gefühl, das Angst und Beklemmung heraufbeschwört, sondern ein befreiendes: Mehr und mehr nutzt man ganz automatisch die gesamte Straße und schert sich nicht um Rechts- oder Linksverkehr, es ist ja sonst keiner da, der den Platz beansprucht. Während man hier in ein paar Wochen wieder stundenlang hinter irgendwelchen Wohnmobilen herzuckelt oder im höflichen Miteinander mit dem Gegenverkehr von einem Passing Place zum nächsten hüpft, sehen wir oft stundenlang kein anderes Auto. Und nicht mehr das Gesetz, sondern die Gegebenheiten definieren das Tempo. Einen Bobby haben wir zuletzt in Inverness gesehen und sich hier mit der Radarpistole auf die Lauer zu legen ist in etwa so einträglich, wie die Jagd nach Nessie: Wo nichts ist, kann man nichts erlegen.Natürlich hat die Freude am Fahren auch etwas mit der Wahl des Autos zu tun. Denn während man sich bei diesem Winterwetter im Morgan fühlt wie in einer Badewanne voller Eiswasser während durchs offene Badezimmer-Fenster ein Blizzard bläst, ist es im Range Rover so gemütlich wie in einem königlichen Salon auf Schloss Balmoral. Selbst wenn die Sitze nur mit beigem Stoff bezogen sind, wähnt man sich wie auf einem Thronsessel, erst recht im Vergleich zu dem mit Leder bespannten Holzbrett im Morgan. Während man im Morgan jede Sardine um den Platz in ihrer Dose beneidet, schwelgt man im Range derart im Raum, dass man seinen Nachbarn fast schon anschreien muss, weil er so weit weg sitzt. Und wo einem im 3Wheeler mit jedem Kilometer die Kälte tiefer in die Knochen kriecht, bollert die Heizung im Range Rover mit jedem Kohleofen um die Wette und es fehlen eigentlich nur noch das Kaminfeuer und eine Kanne Tee für den perfekten Wintertag.Dafür allerdings entlohnt der Morgan mit einem Fahrgefühl, das selbst moderne Sportwagen in dieser Direktheit und Dynamik kaum zu bieten haben. Er ist trotz seines altmodischen Designs und seiner antiquierten Technik viel näher an einem Motorrad oder zumindest an einem Rennwagen als jeder ach so moderne Supersportler aus dem Süden - egal ob man nur bis Woking schielt, bis Zuffenhausen oder gleich bis nach Italien.Zwar hat der 3Wheeler gerade mal 68 PS, doch wiegt die Aluzigarre dafür keine 600 Kilo. Deshalb schießt man an der Ampel jedem anderen Auto davon, ist in 7,0 Sekunden auf Tempo 100, schafft irrwitzige 185 km/h und fühlt sich wie der Rote Baron in seinem Jagdflieger - wobei man den Engländern damit besser später an der Bar nicht kommen sollte, wenn man die gerade etwas angewärmte Stimmung nicht gleich wieder einfrieren will. Aber Vorsicht ist nicht nur bei der Schwärmerei geboten, sondern auch beim Fahren: Elektronische Helfer gibt es für den Morgan keine und schon den Winterreifen aufzutreiben, war eine logistische Meisterleistung. Der verzahnt sich zwar zuverlässig mit der dünnen Schneedecke und sorgt auch auf der klammen Straße für hinreichenden Kraftschluss. Doch braucht es viel Feingefühl, um das Dreirad auf Kurs zu halten. Klein, leicht und ungeheuer handlich - so macht er die Landstraße zur Lustmeile, jede Kurve kickt wie ein weiterer Whisky und nach wenigen Meilen fährt man wie im Rausch.Der Range dagegen ist so behäbig, wie es sich nur ein Auto von Adel leisten kann. Wer souverän ist, der muss nicht schnell sein und wer sich einen Range Rover leisten kann, der muss sich nicht mehr hetzen lassen. Das gilt heute und das galt erst recht bei der Markteinführung, als der Range mit einem Grundpreis von 23.500 Mark fast so teuer war wie ein Porsche 911. Die 200 km/h auf dem Tacho jedenfalls haben mit britischem Understatement weniger zu tun als mit britischem Humor und selbst die 160 km/h aus dem Fahrzeugschein nimmt man dem Rentner heute nicht mehr ab. Unter der Haube ein bei Buick eingekaufter Achtzylinder mit 3,5 Litern Hubraum 135 PS, trotz der Aluminium-Karosserie runde zwei Tonnen schwer und so windschnittig wie ein schottisches Landschloss - selbst die Fischtrawler im Hafen von Ullapool wirken dynamischer - und sind auf jeden Fall handlicher. Denn um den Range auf Kurs zu halten, braucht man den Weitblick des Kapitäns eines Ozean-Riesens, und so, wie er sich in die Kurven legt, kann auch der Magen eines Seebären nicht schaden.Doch in welchem Auto man um diese Jahreszeit die schottische Küste umrundet, ist es immer ein Kampf - gegen Wind und Wetter, gegen Kuppen und Kurven und gegen die Einsamkeit der Nichteinmalmehr-Nachsaison. Denn schon nach einer offenen Tankstelle muss man lange suchen, von einem Pub oder gar einem Hotel ganz zu schweigen. Doch wenn dann mal Licht aus einer Tür scheint, die Gläser klingen und der Wasserkocher für den Tee auf dem Herd pfeift, dann kann man sich vor Gastfreundschaft kaum retten und verfällt wie von selbst in eine gewisse Melancholie darüber, wie warum die Briten und die Europäer plötzlich keine Freunde mehr sein wollen.Deshalb sieht man den Austritt der Briten nach 500 Meilen mit traumhaften Kurven, wunderbaren Ausblicken  und miesen typischem Wetter mit einem lachenden und einem weinenden Auge - einerseits werden uns Europäern nicht nur solche Landschaften fehlen, sondern auch automobile Ikonen wie der Range Rover und mehr noch der ebenso kuriose und konkurrenzlose 3Wheeler. Doch andrerseits hat man nach drei Tagen Dauerfrost und Starkregen in einem fabrikneuen Oldtimer ohne Heizung und ohne Dach oder in einem 50 Jahre alten Koloss ohne Kraft die Nase buchstäblich so voll, dass einem die Insel gerne gestohlen bleiben kann. So long, meine britischen Freunde. Thank you and goodbye. Und wenn der Schnupfen abgeklungen und der Winter vorbei ist, komme ich trotzdem wieder. Ihr seid zwar raus aus der EU, aber deshalb ja nicht aus der Welt. Und eure Autos würden mir genauso fehlen wie eure Küstenstraßen.

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