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Panorama: Die Geschichte des Amphibienautos - Meerwert-Mobile

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Der Gibbs Aquada hat Anfang der Nullerjahre erneut die Lust auf Amphibienautos geweckt, doch die geplante Kleinserie wurde nie gebaut Foto: Gibbs Amphibians

Auto Ahoi! Seit über 200 Jahren sind Tüftler fasziniert von der Idee, Landfahrzeuge auch als Boote zu nutzen. Klingt eigentlich nach einer duften Idee. Doch die Geschichte des Amphibienautos ist vor allem eine des Scheiterns.

Autos machen vor allem eins: sie fahren. Manche gut, andere besser. Doch das hat vielen Tüftlern in der weit über 100jährigen Geschichte des Automobils nicht gereicht. Da gab es die einen, die ihm zusätzlich das Fliegen beibringen wollten. Andere waren fasziniert von der Idee, es gleichzeitig auch als Boot nutzen zu können. Einige Wagemutige glaubten sogar daran, schwimmfähige Autos zum Kauf anbieten und in Serie bauen zu können. Doch selbst die ambitioniertesten Versuche einer Kommerzialisierung blieben mehr oder weniger erfolglos. Auch der letzte große Amphibienauto-Produzent, die US-Firma Watercar, ist mittlerweile baden gegangen.

Erste Versuche, schwimmfähige Landfahrzeuge zu entwickeln, gab es bereits weit vor den ersten Automobilen. Einem Schwimmauto schon recht ähnlich war das Orukter Amphibolos des Amerikaners Oliver Evans. Der Unternehmer und Erfinder war zunächst fasziniert von Dampfmaschinen, welche er auch als Antriebe für Landfahrzeuge einsetzte. 1804 entwickelte er einen Karren mit vier Rädern, dessen Karosserie einem Lastenkahn recht ähnlich war. Im Innern der nach oben offenen, neun Meter langen Konstruktion befand sich eine Dampfmaschine, welche über Riemen ihre Kraft an die Räder leiten konnte. Damit ließ sich das gut 20 Tonnen schwere Gefährt auch ins Wasser fahren, wo es nicht nur nicht unterging, sondern dank einer Radschaufel und Dampfmaschinenkraft munter weiterfuhr. Doch Evans außergewöhnliche Erfindung blieb ein Einzelstück, dem lediglich der Status einer Jahrmarktsattraktion zukam.

Als das Automobil knapp hundert Jahre später das Laufen lernte, häuften sich die Versuche, Motorfahrzeuge fahr- und zugleich schwimmfähig zu bauen. Gerne wurden dabei Bootsrümpfe mit Fahrgestellen kombiniert. In der Geschichtsschreibung erwähnt, allerdings nicht dokumentiert, ist das in Dänemark 1899 gebaute Magrelen Amphibium. Bilder gibt es hingegen von dem 1907 in Frankreich von Jules Julien Ravaillier angefertigten Canot-Voiture-Touriste. Dabei handelt es sich unverkennbar um ein Boot mit vier Rädern, welches mit Hilfe eines 20 PS starken Vierzylinder-Benzinmotors auf Land rund 35 und zu Wasser bis zu 9 km/h schnell fahren konnte. Ravaillier meldete dieses Gefährt in den USA zum Patent an, veräußerte die Rechte an einen amerikanischen Unternehmer, der ein solches Fahrzeug unter dem Namen Waterland in Serie bauen wollte, diesen Plan allerdings nie verwirklichte.

Auch deutsche Tüftler haben sich an Amphibienautos probiert. Dies dokumentiert zum Beispiel ein 1909 eingereichtes Patent für ein zu Land und im Wasser nutzbares Fahrzeug des aus Bonn stammenden Jean Rech, für dessen Bau sich allerdings keine Belege finden. Ein Schwimmauto tatsächlich angefertigt hat der aus Koblenz stammende Jakob Baulig mit seinem Land-Wasser-Auto, welches vor allem nach Auto und nicht nach einem Wasserfahrzeug aussah. Kein Wunder, denn das 1934 fertiggestellte und offiziell zugelassene Mehrzweckvehikel basierte auf einem Hanomag 2/10 Cabriolet. Dennoch überquerte Baulig mit diesem für den Wassereinsatz sicherlich suboptimalen Unikat den Ärmelkanal, um es kurz danach 1935 im Koblenzer Hafen zu versenken, bevor die Nazis seine Erfindung zwangsweise einziehen konnten.

Bauligs Aktion verhinderte nicht, dass nur wenige Jahre später das große Zeitalter des Amphibienautos anbrach, denn vor allem aus militärischer Sicht war es als Fahrzeug für den schnellen Vormarsch interessant. Vielen bekannt sind etwa die schwimmfähige Variante des VW Kübelwagen oder der ab 1942 gebaute VW Typ 166 Schwimmwagen, von dem über 14.000 Exemplare gebaut wurden. Auch bei den Alliierten brach das Amphibienfieber aus. So bauten die Amerikaner unter anderem einen schwimmfähigen Jeep sowie den bis 18,6 Meter langen Schwimm-Lkw DUKW, der in größerer Zahl während der Invasion der Normandie zum Einsatz kam und später oft als Bus für Stadttouren mit Wasserdurchfahrten in etlichen Touristenorten eingesetzt wurde.

Nach dem Krieg wuchs wieder das Interesse, schwimmfähige Autos für die zivile Nutzung zu entwickeln. Das berühmteste, in Hinblick auf die Stückzahlen mit Abstand erfolgreichste und zudem eleganteste Projekt war das Amphicar 770. Entwickelt hat es der deutsche Hans Trippel, der schon zuvor etliche Versuche startete, Autos allgemein sowie speziell in schwimmfähiger Bauweise in Serie zu produzieren. Dank der finanziellen Beteiligung des Großindustriellen Harald Quandt erhielt Trippel endlich die Finanzmittel zur Serienfertigung des Amphicar, welches bereits mit seinem Namen andeutete, vor allem für Kunden in den USA entwickelt worden zu sein. Es handelte sich um ein gut 4,30 Meter langes Viersitzer-Cabriolet mit einer durchaus charmanten Optik sowie einer erhöhten Bodenfreiheit und großem Böschungswinkel. Entsprechend kann das Amphicar problemlos auch direkt von einer betonierten und abschüssigen Anlegestelle ins Wasser fahren. Angetrieben wurde es von einem 1,2-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 28 kW/38 PS, der das über eine Tonne schwere Gefährt über die Hinterräder auf Tempo 120 beschleunigen konnte. Im Wasser wurde auf Propellerantrieb umgestellt. Die beiden im Heck befindlichen Schiffsschrauben schoben das im Wasser ebenfalls über die Vorderräder gelenkte Amphicar auf bis zu 12 km/h. Ob zu Land oder zu Wasser: Sonderlich gute Fahreigenschaften bot es in keiner der beiden Disziplinen. Zudem war es mit 12.000 D-Mark dreimal so teuer wie ein VW Käfer. Das Kaufinteresse war in seiner Heimat Deutschland wie auch in den USA verhalten. Immerhin wurden zwischen 1961 und 1968 - hier finden sich unterschiedliche Angaben - 3.500 oder sogar fast 4.000 Amphicar gebaut. Damit ist es das im zivilen Bereich mit Abstand erfolgreichste Land-Wasser-Fahrzeug der Welt.

Ebenfalls aus Deutschland kam etwa das nur 2,15 Meter lange 6x6 ATV Solo 750, von dem zwischen 1971 und 1981 keine 100 Exemplare gebaut wurden. In vergleichbarer Stückzahl wurde von Anfang der 80er- bis in die 90er-Jahre in Kehl am Rhein der Amphi-Ranger 2800 SR gebaut - eine Art schwimmfähige G-Klasse. Vor allem Behörden aber auch einige wenige private Käufer leisteten sich das mit rund 200.000 D-Mark sehr teure Gefährt.

Sogar 280.000 kostete das Hobbycar B612, allerdings französische Franc. 1992 wurde dieser offene, viersitzige und doch recht eigenwillige Entwurf vorgestellt und sogar bis 1996 gebaut. Allerdings nur gut 50 Mal. Ein 1,9-Liter-Turbodiesel von Peugeot beschleunigte das Hobbycar auf Land auf ein für Amphibienautos beachtliches Tempo von 140 km/h.

Ebenfalls in den 90er-Jahren begann der Brite Tim Dutton mit der Produktion seines Schwimmautos Commander, von dem in 13 Jahren etwa 100 Exemplare entstanden. Wahlweise wurde der 1,2-Tonner von einem 85 PS starken Suzuki-Benziner oder einem etwa gleichstarken 1,5-Liter-Turbodiesel angetrieben. Damit konnte Commander mit einer 4,7 Meter langen GFK-Karosserie auf Land sogar 145 und im Wasser 10 km/h schnell vorankommen.

Nochmals schneller und zudem recht sehenswert war der in Neuseeland von Gibbs Anfang der Nullerjahre entwickelte Aquada, der optisch stark an einen Mazda MX-5 erinnert. Ein V-Motor mit 120 kW/177 PS erlaubte auf Land eine Topspeed von 160 km/h sowie im Wasser von gut 50 km/h. Die Ärmelkanalquerung meisterte Richard Branson damit in nur 90 Minuten. Doch die zunächst für 2003 und später für 2009 angekündigte Kleinserie von 50 Aquada wurde nie umgesetzt.

Das bislang letzte und in Hinsicht auf die Wassergeschwindigkeit spektakulärste Amphibienauto ist das Watercar aus Kalifornien. Ähnlich wie beim Commander handelt es sich um ein Auto mit wasserdichter GFK-Karosserie, die gewisse Ähnlichkeiten mit einem Jeep Wrangler hat. Das 4,60 Meter lange Mobil wird von einem 3,7-Liter-V6 mit 250 PS angetrieben, der aus dem Honda Odyssee stammt. Auf Land schafft das Watercar immerhin 130 km/h, im Wasser sollen es sehr sportliche 70 km/h sein. Gut 135.000 Dollar wurden für das rollende Rennboot aufgerufen. Trotz des stolzen Preises wurden zwischen 2013 und 2019 über 100 Exemplare des Modells Panther verkauft, wie dem jüngsten Beitrag der offiziellen Facebook-Seite des Herstellers zu entnehmen ist. Dieser stammt aus dem September und verkündet zudem das Ende der Produktion in Kalifornien, da dies vom ,,Luftressourcen-Ausschuss" untersagt wurde. Deshalb bietet Watercar seine Patente, Anlagen und Werkzeuge seither zum Verkauf an. Damit ist das vorläufig letzte Amphibienauto-Projekt dank strenger Umweltauflagen in seiner ursprünglichen Heimat, den USA, auf Kiel gelegt. Die Chancen auf einen erneuten Stapellauf von Watercar dürften nicht allzu groß sein. Doch irgendein Tüftler wird bestimmt schon bald mit einem neuen Amphibienauto um die Ecke kommen. Vielleicht eines mit E-Antrieb. Zeit wäre es.

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