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Lkw-Fahrerarbeitsplätze - Vom Bock zum Büro

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Vom luftgefederten Fahrersessel konnten die ersten Trucker nur träumen: Wie auf einem Kutschbock nehmen auf den ersten Lkw unter freiem Himmel Platz, hier ein Daimler von 1897 Foto: Daimler

Einst ein Sitzplatz unter freiem Himmel, heute ein mobiles Heim mit Monitoren und Verbindung zur Cloud: So hat sich der Lkw-Arbeitsplatz in den vergangenen rund 120 Jahren verändert.

Noch heute sitzen Lkw-Fahrer ,,auf dem Bock". Doch vom luftgefederten Fahrersessel in heimeliger Kabine konnten die ersten Trucker nur träumen: Wie auf einem Kutschbock nehmen sie ab 1896 auf den ersten Lkw, erfunden von Gottlieb Daimler, unter freiem Himmel Platz. An Ergonomie am Arbeitsplatz für die Motorkutscher genannten Fahrer verschwenden die Lkw-Konstrukteure anfangs kaum einen Gedanken; immerhin werden die Fahrer recht schnell mit einem Dach über dem Kopf bedacht.

In den 30er Jahren erlangt die Nutzfahrzeugtechnik die nötige Reife, der Schiene auf längeren Distanzen ernsthaft Konkurrenz zu machen. Jetzt entwickelten sich auch die Fahrerhäuser weiter. Beim Typ 3256 von 1928 des schwedischen Herstellers Scania-Vabis blickt man immerhin schon auf eine Art frühzeitliches Kombiinstrument, mit Tacho und Kilometerzähler. MAN bietet in dieser Zeit beispielsweise die Ausstattung mit Kurbelfenstern und einer leicht ausstellbaren Windschutzscheibe sowie elektrischem Signalhorn an.

Ergonomie und (Bedien-)Komfort im harten Arbeitsalltag der Trucker wird ab den 1950er Jahren wichtiger. Der MAN F8 offeriert ab 1951 eine größere Fahrerkabine, Drehfenster für bessere Belüftung, einen in Höhe und Länge verstellbaren Fahrersitz sowie Wärme- und Lärmisolierung. In Haptik, Material und Anordnung der Instrumente entspricht die Lkw-Kabine zum ersten Mal dem Standard der Pkw. Der Fahrtenschreiber wird 1953 gesetzliche Pflicht, vorher mussten die Lkw-Fahrer ihre Lenk- und Ruhezeiten handschriftlich dokumentieren.

Je nach Einsatzzweck unterscheiden sich nun die Arbeitsplätze. Ein recht sachliches Beispiel ist das Cockpit der schweren Kurzhauber von Mercedes-Benz. Die ab 1958 gebauten und zum Beispiel im Baustelleneinsatz als Kipper oder bei Feuerwehr und THW genutzten Fahrzeuge bestechen durch ihre ebenso einfache wie robuste Technik, die auch in der bescheidenen Instrumentierung des Cockpits seinen Ausdruck findet: Lackierte Brüstung aus Blech, großes, feingliedriges Bakelit-Lenkrad, übersichtliche Schalter; nicht fehlen darf zu dieser Zeit auch ein Aschenbecher.

Komfortabler ausgestattet werden die im Fernverkehr eingesetzten Modelle, sind sie ja Arbeitsplatz und Wohnraum zugleich. Einige haben bereits in den 1950er Jahren Klapptisch und Schlafkabine oder umlegbare Sitzpolster zum Schlafen. MAN bietet ab Ende der 1960er Jahre ein Großraumfahrerhaus mit festen Liegen hinten und serienmäßiger Heizung an, im Nachfolger kommen Extras wie elektrische Fensterheber, Kühlbox, höhenverstellbares Lenkrad, textile Seiten- und Rückwandverkleidungen und Kleiderschrank mit Schiebetüren hinzu.

Ab 1977 verklärt die Fernseh-Serie ,,Auf Achse" den Arbeitsalltag zur Fernfahrer-Romantik. Der Blick in einen Mercedes-Sattelzug der Neuen Generation (NG 73) Baujahr 1975, der in der Fernsehserie mitfuhr, zeigt die immer noch recht karge Realität der Asphalt-Cowboys. Ende der 70er setzt Volvo mit dem ,,Globetrotter"-Fahrerhaus für schwere Langstrecken-Lkw neue Standards. Es ist deutlich größer als eine normale Kabine und verfügt über neue Funktionen wie Kühlschrank, Wassertank, Spüle und Küche. Der Globetrotter erwirbt sich einen Ruf als luxuriösester Lkw der Welt. Zu dieser Zeit bieten die Lkw-Produzenten gegen Aufpreis die ersten luftgefederten Fahrersitze an.

Geprägt vom Streben nach Funktionalität und Übersicht¬lichkeit ist der Fahrerarbeitsplatz einer Mercedes-Benz 1317 Sattelzugmaschine, Baujahr 1989. Typisch sind die 80er-Jahre Brauntöne, die bescheidene Anzahl der Schalter und die an den oberen Rand des Cockpits ausgegliederten Funktions- und Warnleuchten. In den 90ern werden die Arbeitsplätze mit besser erreichbaren Schaltern ergonomischer, die Fernfahrer-Kabinen geräumiger, mit Stehhöhe und mehr Stauraum für persönliche Gegenstände.

Längst steht der Fahrer im Mittelpunkt: Im ab 2003 gebauten Mercedes Actros lassen sich Sitze, Lenkrad, Schalterfeld individuell auf den jeweiligen Fahrer und sein Einsatzfeld hin konfigurieren. Ein erstes digitales Zentraldisplay visualisiert unter anderem Gangwahl und Arbeit der Assistenzsysteme. Heute sind die Arbeitsplätze nahezu voll digitalisiert. Bildschirme ersetzen die klassische Instrumententafel, zum Beispiel beim neuen Volvo FH oder der fünften Generation Mercedes Actros. Der Fahrer kann die Funktionen per Sprachbefehl, Lenkradtasten oder Touchscreen bedienen. Im Actros zeigen zwei Displays an den A-Säulen außerdem den Verkehr im Toten Winkel.

Der moderne Lkw ist heute über die Cloud mit der Spedition und Werkstatt verbunden. Ebenso entscheidend für die Fuhrpark-Manager sind heute aber Platz und Komfort, mit diversen Staufächern anstelle der Liege für den zweiten Fahrer und Geräten wie Mikrowelle, Fernseher, Stand-Klimaanlage oder Extras wie Ambiente-Licht. Denn in Zeiten fehlender Kraftfahrer ist die Ausstattung des Arbeitsplatzes ein nicht zu unterschätzendes Kriterium, um überhaupt noch Menschen für die Arbeit ,,auf dem Bock" zu begeistern.

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