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90 Jahre Mercedes-Benz 770 vs. Maybach Zeppelin - Kampf um Politik und Prominenz

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Im Oktober 1930 feiert der Mercedes 770 auf dem Pariser Automobilsalon Weltpremiere Foto: Daimler

Sie grenzten an Größenwahn, bedienten aber treffsicher den zahlungskräftigen Zeitgeist. Mitten in der ersten Weltwirtschaftskrise zeigten sich die ultrateuren Spitzenmodelle von Mercedes und Maybach in gigantischen Dimensionen. Es war ein Duell um die Gunst von Kaisern, Königen, Prominenten und Potentaten.

Nie bot die automobile Königsklasse eine größere Markenvielfalt und mehr Gigantismus in der Karosserievielfalt und bei kostspieligen Luxusaccessoires als ausgerechnet zur Zeit der ersten Weltwirtschaftskrise. Vor 90 Jahren kämpften rund 30 Prestigemarken aus sechs Ländern um die reichsten und mächtigsten Kunden, und die damals noch rivalisierenden deutschen Hersteller Maybach und Mercedes-Benz duellierten sich sogar gleich mit mehreren neuen Modellreihen der Superliga. Während der im Oktober 1930 lancierte Mercedes-Benz 770 ,,Großer Mercedes" (Baureihe W 07) mit neuem 7,7-Liter-Achtzylinder dem Werbeslogan ,,des stärksten Personenwagens Deutschlands" gerecht werden wollte, protzten die kurz zuvor präsentierten Maybach-Zeppelin-Typen sogar mit dem ersten deutschen Serien-V12. Konstrukteur Karl Maybach hatte den Zwölfzylinder von jenem Mammut-Motor abgeleitet, den er für die riesigen Transatlantik-Passagier-Luftschiffe der Zeppelin-Reederei entwickelt hatte. Mit einer Maximalleistung von 147 kW/200 PS erreichte der Maybach das Niveau des Mercedes, der dafür einen Roots-Kompressor nutzte. Zum Vergleich: Rivale Rolls-Royce begnügte sich damals im Phantom II noch mit einem Sechszylinder, der nur 88 kW/120 PS entwickelte. Für diese Überlegenheit verlangten Maybach und Mercedes allerdings ein wahrlich königliches Honorar, so kostete der Mercedes 770 ähnlich viel wie eine feudale Villa in Berlin oder München.

Exakt 41.000 Reichsmark wies die Rechnung für die von 1930 bis 1938 angebotene Mercedes 770 Pullman Limousine aus, während der für Durchschnittsverdiener ebenfalls unerschwingliche Mercedes 170 (W 15) noch für 4.400 Reichsmark

verkauft wurde. Entsprechend erlaucht oder einfach liquide waren die Käufer des ,,Großen Mercedes": Der japanische Kaiser Hirohito bestellte gleich ein gutes halbes Dutzend gepanzerter Pullman-Limousinen, der im niederländischen Exil befindliche letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. orderte ein Cabriolet in marinegrau (diese kaiserlichen Fahrzeuge werden heute in Stuttgart im Mercedes-Museum ausgestellt), die Könige von Spanien, Ägypten, Albanien und Bulgarien und der Großindustrielle Gustav Krupp von Bohlen und Halbach ließen sich im Riesen-Benz chauffieren, aber auch Papst Pius XI. vertraute auf einen Mercedes 770. Nicht zuletzt waren Reichspräsident Paul von Hindenburg und die braunen Machthaber im Deutschland der 1930er Jahre im Mercedes 770 zu sehen.

Ähnlich illuster sieht die Kundenliste für den Maybach Zeppelin aus, der mit Preisen von bis zu 48.000 Reichsmark noch teurer war und sich so fast jedem Vergleich entzog. Zwölfzylinder-Maybach fuhren u.a. Prinz Bernhard der Niederlande, der Schweizer Bundesrat, die österreichische Bundesregierung, der amerikanische Kaufhauskönig John Wanamaker, Flugzeugkonstrukteur Ernst Heinkel, der Zirkus Krone oder der Maharadscha von Patiala. Die Machtinsignie der zwölf Zylinder schmückte übrigens noch einen weiteren legendären deutschen Prestigewagen, den Horch 12 (Typ 670 und 600), der 1931 in Serie ging, unmittelbar vor dem Zusammenschluss von Horch mit Audi, DKW und Wanderer zur Auto Union. Horch offerierte diesen Zwölfender zu günstigeren Preisen ab 23.500 Reichsmark, um so den durch die Weltwirtschaftskrise gebeutelten Finanzadel zu erreichen, für den Mercedes oder Maybach unerreichbar wurden. Allerdings ging dieses Kalkül nicht auf: Nach nur 81 Fahrzeugen waren die Horch 12 Geschichte, vielleicht weil es dem Horch an Prestige fehlte.

Was machte damals die Faszination von Maybach und Mercedes aus? Es war ein Mix aus grandioser Kraft, luxuriöser Raffinesse und zukunftsweisender Moderne, wie er heute selbst in mehrere Millionen Euro teuren Fahrzeugen nicht zu finden ist. Wer beim Wort ,,Moderne" stutzt, weil er etwa über das archaische Fahrwerk des Mercedes 770 mit Starrachsen vorn und hinten oder den bereits 1930 antiquierten Spitzkühler stolpert, muss wissen: Nur diese unzerstörbar solide gebaute konstruktive Basis erlaubte die Installation der monumentalen V8- und V12-Kraftwerke, die mit einer Vielzahl von Karosserieaufbauten kombiniert werden

konnten. Gläser aus Dresden, Erdmann & Rossi aus Berlin, Farina aus Mailand, Hibbard & Darrin aus Paris, Geissberger aus Zürich oder Van den Plas aus Brüssel - sie alle fertigten individuelle Aufbauten für den Großen Mercedes oder den Maybach mit Zeppelin-V12, die beide auch als Fahrgestell geordert werden konnten. Änderte sich die Karosseriemode, bestellte die begüterte Klientel einfach neue Couture für ihre automobile Königsklasse, etwa eine Stromlinienform wie sie Karossier Spohn ab 1933 anbot.

Wie bei fast allen anderen Luxusmarken aus diesem sogenannten ,,Goldenen Zeitalter des Automobils" war jeder ,,Große Mercedes" und Maybach ein individuell komponiertes Kunstwerk, bei dem nur die Phantasie und die Finanzkraft der Käufer die Grenzen des Machbaren setzten. Heute unglaubliche 1.680 Kilogramm Nutzlast vertrugen die 5,52 Meter langen Friedrichshafener V12-Limousinen, die so mit gewichtigen Lederfauteuils und feinsten Hölzern plus Gold- und Edelsteinauflagen aufgewertet werden konnten, wodurch sich der Preis nebenbei fast vervierfachte. Auch werksseitige Updates gehörten bei Mercedes und Maybach zum Kundenservice, etwa das 1938 eingeführte Siebengang-Schaltgetriebe für den Zeppelin DS 8. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beendete zwar die Laufbahn der deutschen Luxusliga (der Mercedes 770 erlebte 1938 einen Modellwechsel durch die neue Serie W 150), ihren repräsentativen staatstragenden Aufgaben kamen die legendär langlebigen V8 und V12 aber in manchen Ländern bis in die 1950er Jahren nach.

Immerhin wurden Fahrkomfort, Geräuscharmut und Geschmeidigkeit des Maybach V12 in der Werbung blumig mit dem ,,von jeder Erdenschwere befreiten Dahinschweben über Berge und Täler des Wolkenschiffs Graf Zeppelin" gleichgesetzt. Und der Mercedes 770 mit optionalem Roots-Kompressor wurde in der Fachpresse ob seines sogar bei D-Zug-Tempo ,,unantastbaren Verhaltens" gelobt. Schließlich war der Mercedes laut Marketing ,,Geschaffen für einen Kreis glücklicher Menschen, die der Erfüllung ihrer Wünsche keine Grenzen setzen wollen". Es war ein kleiner Käuferkreis, aber nicht so klein wie bei vielen anderen europäischen und amerikanischen Luxusmarken, die in den 1930er Jahren untergingen. So konnte die Produktionsstatistik immerhin 117 Einheiten des Mercedes 770 vermelden und 183 Einheiten der Maybach-Zeppelin-Typen DS 7 und DS 8 (DS steht für Doppel-Sechs).

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der Bau deutscher Repräsentationskarossen allein bei Mercedes, wie der Typ 300 Adenauer ab 1951 und der 1963 lancierte 600 Pullman zeigten. 2002 versuchten die Stuttgarter ein Revival der Marke Maybach mit eigenständigem ultraluxuriösem Limousinen-Programm, für das sich aber letztlich nicht genügend finanzkräftige Käufer begeisterten. So liegt es heute an Maybach-Derivaten der Mercedes S-Klasse die Erinnerung an die vor 90 Jahren eingeführte deutsche Superliga lebendig zu halten.



Chronik:

1921: Das erste Maybach-Serienfahrzeug debütiert als Typ W 3 auf der Berliner Automobilausstellung

1928: Entwicklungsstart für den Mercedes 770 (Baureihe W 07)

1929: Einführung des Maybach Zeppelin 12 als erstes deutsches Serienfahrzeug mit V12-Triebwerk

1930: Finale Nürburgring-Erprobung des Mercedes 770 ,,Großer Mercedes" bis Ende Mai. Im Oktober feiert der Mercedes 770 auf dem Pariser Automobilsalon Weltpremiere, zunächst als Pullman Limousine. Anders als etwa Maybach wählen die Entwickler um Chef-Konstrukteur Hans Nibel und Motorenentwicklungschef Albert Heeß nicht ein Zwölfzylinder-Triebwerk, sondern einen Achtzylinder-Reihenmotor mit 7,7 Litern Hubraum. Seine Maximaldrehzahl liegt bei nur 2.800/min und die Leistung beträgt 110 kW/150 PS bzw. mit Roots-Kompressor 147 kW (200 PS). Bei einem Minderpreis von 3.100 RM kann der ,,Große Mercedes" auch ohne Kompressor bestellt werden. Neues Maybach-Spitzenmodell DS (DS für Doppel-Sechs) Zeppelin mit V12-Motor. Die Zeppelin-DS-Modelle, 1930 vorgestellt und ab 1931 geliefert, sind Nachfolger des Zeppelin Typ 12 und werden aufgelegt als Typ DS 7 (mit 7,0-Liter-V12) und Typ DS 8 (mit 7,9-Liter-V12). Außerdem Einführung des kleineren Maybach Typs DSH (Doppel-Sechs-Halbe) mit Sechszylinder-Motor

1931: Verkaufsstart für den Maybach DS 8 Zeppelin. Maybach kommuniziert, dass Kunden ihre Maybach Zeppelin an Weiterentwicklungen im Fahrzeugbau anpassen lassen können, um so technisch stets aktuell unterwegs zu sein

1932: Die Mercedes-Cabriolets B, C, D und F sowie ein offener Tourenwagen ergänzen im September die Karosserieauswahl beim Mercedes-Benz 770

1933: Der Maybach DS 7 Zeppelin geht in sein letztes Verkaufsjahr.

Auf der Basis des Maybach Zeppelin-Fahrgestells entsteht ein Stromlinienmodell vom Typ Zeppelin DS 8, das der Karossier Spohn einkleidet

1936: Modellpflege für den Mercedes 770, der sich fortan in fließender, modernisierter Formensprache zeigt

1938: Generationenwechsel beim Mercedes 770. Nach 117 Einheiten endet die Fertigung der Baureihe W 07 zugunsten der nachfolgenden Baureihe W 150, die ebenfalls als Typ 770 ,,Großer Mercedes" vermarktet wird. Der Maybach Zeppelin DS 8 ist mit einem Siebengang-Schaltgetriebe erhältlich, dessen Gänge am Lenkrad vorgewählt und durch Betätigen des Kupplungspedals eingelegt werden

1939: Produktionsauslauf für den Maybach Zeppelin DS 8. Als vorläufig letzter neuer Maybach geht der SW 42 an den Start

1941: Kriegsbedingte Produktionsunterbrechung. Insgesamt entstehen bei der Maybach-Motorenbau GmbH in Friedrichshafen etwa 1800 Fahrzeuge. Die Maybach-Motorenbau GmbH startet 1949 den Bau von Dieselmotoren für Schiff und Bahn. 1966 werden die Maybach-Motorenbau GmbH und die Mercedes-Benz Motorenbau GmbH zur Maybach Mercedes-Benz Motorenbau GmbH zusammengeschlossen und drei Jahre später firmiert das Unternehmen neu als MTU Friedrichshafen

1951: Im April debütiert auf der IAA Frankfurt der Mercedes-Benz 300 (W 186) als neue staatstragende Repräsentationslimousine (Rufname ,,Adenauer"), allerdings nur noch mit Sechszylindermotor

1963: Auf der Frankfurter IAA feiert der Mercedes-Benz 600 ,,Großer Mercedes" als ideeller Nachfolger des Mercedes-Benz 770 Weltpremiere.

1964: Im September beginnt die reguläre Serienfertigung des Mercedes-Benz 600

1997: Mit der Studie ,,Maybach" als repräsentatives Luxusfahrzeug wird auf der Tokio Motor Show die Tradition der Maybach Automobile aus Friedrichshafen wiederbelebt

2002: Der damalige DaimlerChrysler Konzern verkündet den Marktstart der Marke Maybach innerhalb von Mercedes-Benz Cars und lanciert die Prestigelimousinen Maybach 57 und Maybach 62

2009: Die neu ins Leben gerufene Marke Maybach krönt ihre Modellpalette mit dem auf dem Genfer Automobilsalon vorgestellten und auf 100 Einheiten limitierten Sondermodell Maybach Zeppelin auf Basis der Typen Maybach 57 und Maybach 62

2020: Mercedes würdigt das 90-jährige Jubiläum des Modells 770. Im Mercedes Museum in Stuttgart sind gleich zwei 770 ,,Große Mercedes" ausgestellt. Zum einen das 1932 als Sonderanfertigung hergestellte Cabriolet F von Kaiser Wilhelm II., der in

jener Zeit im niederländischen Exil lebte. Direkt daneben steht eine Pullman-Limousine des japanischen Kaisers Hirohito aus dem Jahr 1935. Außerdem im Besitz des Mercedes-Museums ist ein Maybach Zeppelin DS 8 mit dem Baujahr 1932. Die viertürige Cabriolet-Karosserie dieses Maybach stammt von Spohn in Ravensburg. Passend zum 90. Geburtstag der einstigen Modelle der Superklasse präsentiert Mercedes eine neue Generation der S-Klasse, die auch in Langversion und in Maybach-Spezifikation lieferbar wird

Produktionszahlen:

Maybach DS 7 und DS 8 Zeppelin (ab 1930): 183 Einheiten

Mercedes-Benz 770 ,,Großer Mercedes" (ab 1930): 117 Einheiten, davon 13 Einheiten ohne Kompressor, 42 Einheiten als Pullman-Limousine

Motorisierungen:

Maybach DS 7 Zeppelin (ab 1930) mit 7,0-Liter-V12-Motor (110 kW/150 PS), Verbrauch 26 l/100 km, Vmax 150 km/h

Maybach DS 8 Zeppelin (ab 1931) mit 7,9-Liter-V12-Motor (147 kW/200 PS bei 3.200/min), Verbrauch 28 l/100 km, Vmax 160-180 km/h (je nach Karosserie-Aufbau und Getriebeübersetzung)

Mercedes-Benz 770 ,,Großer Mercedes" (ab 1930) mit 7,7-Liter-Achtzylinder-Motor (110 kW/150 PS bzw. mit Kompressor 147 kW/200 PS bei 2.800/min), Verbrauch 28 bis 30 l/100 km, Vmax 160 km/h (mit Kompressor)

Abmessungen und Gewichte:

Länge: 5,52 Meter (Maybach DS 8) bzw. 5,60 Meter (Mercedes 770), Breite: 1,82 Meter (Maybach DS 8) bzw. 1,85 Meter (Mercedes 770), Höhe: 1,90 Meter (Maybach DS 8) bzw. 1,83 Meter (Mercedes 770), Radstand: 3,74 Meter (Maybach DS 8) bzw. 3,75 Meter (Mercedes 770), Leergewicht: 2.800 kg (Maybach DS 8) bzw. 2.700 kg (Mercedes 770), Zuladung: 1.680 kg (Maybach DS 8) bzw. 800 kg (Mercedes 770).

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