Motorrad

Test: BMW R nineT - Endlich daheim

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Auf unseren Testfahrten stellte sich die modifizierte R nineT als zugänglicher Kumpel dar; immer bereit, dem Kommando des Fahrers spontan zu folgen Foto: Markus Jahn

BMW hat seine Heritage-Modelle der Jetztzeit angepasst. Insbesondere die sehr ansehnliche R nineT gewann dadurch erheblich

Der Einschlag war gewaltig, als BMW im Jahr 2013 die durch und durch klassisch anmutende R nineT präsentierte: Das neue Modell mit zeitgemäßer Technik eroberte die Herzen auch vieler Nicht-BMW-Fahrer im Sturm. Die vom Basismodell abgeleiteten Varianten  R nineT Pure, Scrambler, Urban G/S  erfreuen sich ebenfalls großer Beliebtheit. Allein das wegen seiner ziemlich radikalen Sitzposition umstrittene Modell ,,Racer" wurde wegen zu geringer Nachfrage schon nach recht kurzer Zeit aus dem Programm gekippt. Damit die Klassiker mit moderner Technik frisch und knackig bleiben, hat BMW für die Saison 2021 alle Versionen technisch überarbeitet und sowohl die Serien- wie auch die Sonderausstattungen erweitert.

Die Überarbeitung des weiterhin luft-/ölgekühlten Zweizylinder-Boxers hat sein schon immer höchst angenehmes Wesen nicht verändert: Das Plus an Drehmoment im mittleren Drehzahlbereich wirkt sich in der Praxis genauso wenig aus wie der Leistungsverlust um ein PS; statt bislang 110 sind jetzt  80 kW/109 PS/vorhanden. Die ,,spürbar besseren Durchzugswerte zwischen 4.000 und 6.000 U/min.", auf die BMW hinweist, dürften wohl nur im direkten Vergleich wahrnehmbar sein. Das maximale Drehmoment ist mit 116 Newtonmetern immer noch so füllig, dass das Aufreißen des Gashahns bei etwa 4.000 Touren einem Schlag ins Kreuz des Fahrers gleichkommt.

Bislang störende Schläge von unten realisiert man nun nicht mehr. Die R nineT hat nämlich, wie alle ihre Geschwister, ein neues Federbein mit wegabhängiger Dämpfung bekommen. Endlich! Damit spricht das Heck nun weitaus verbindlicher auf gröbere Unebenheiten an, das Komfortgefühl steigt um gefühlte hundert Prozent. Wer die R nineT bislang als eher hart mit einer Tendenz ins Bockige empfunden hat und deshalb nicht für das sonst so geschmeidige Motorrad entflammt ist, sollte eine Probefahrt wagen. Freilich besteht die Gefahr, dass anschließend ein Betrag zwischen 15.900 und fast 20.000 Euro den Besitzer wechselt. Es gibt nämlich enorm viel verführerisches Zubehör, unter anderem aufwendige Alu-Frästeile für die Motor-Peripherie.

Weitere Pluspunkte gegenüber dem bisherigen Modell ist die serienmäßige Ausrüstung mit dem feinen ABS Pro; damit steht ein Kurven-ABS samt dynamischer Bremskontrolle zur Verfügung. Auch die beiden Fahrmodi ,,Rain" und ,,Road" sind neuerdings serienmäßig an Bord. Ebenfalls neu ist die Kombination aus zwei Rundinstrumenten im Cockpit mit überaus edel gestalteten Zifferblättern.  Zudem strahlt nun LED-Licht samt eines schicken Tagfahrlichts aus dem schön anzuschauenden Rundscheinwerfer, auf Wunsch schaltet sich in Schräglage sogar ein adaptives Kurvenlicht zu. Es ist im Comfort-Paket enthalten, zusammen mit Heizgriffen, Tempomat und zusätzlichen Fahrmodi.

Auf unseren Testfahrten stellte sich die modifizierte R nineT als zugänglicher Kumpel dar; immer bereit, dem Kommando des Fahrers spontan zu folgen. Rein ins Kurvengewirr enger, verwinkelter Landstraßen - das geht genauso leicht von der Hand wie größere Radien fein ausgebauter Bergstraßen in kräftiger Schräglage. Beeindruckend ist die Geschmeidigkeit, mit der die BMW zugange ist: Das Getriebe schaltet sich butterweich und präzise, die Bremsen packen kräftig und dabei ausgezeichnet dosierbar zu. Weil auch der Sitz nicht allzu straff gepolstert ist und die Fußrasten nur minimal nach hinten gerückt wurden, ist die Sitzposition für durchschnittsgroße Mitteleuropäer angenehm.

Sehr gut gefällt der Blick nach vorne: Die Zifferblätter sind grafisch sehr zurückhaltend gestaltet und bestens ablesbar, das Digitalfeld zeigt nach Wunsch mehr oder minder Wichtiges. Die Uhrzeit verliert auf Tour ihre sonst oft große Bedeutung: Das Fahren der R nineT mit ihrem sonoren, aber glücklicherweise nicht mehr überlauten Sound fasziniert. Das Standgeräusch liegt dank Klappe bei moderaten 86 dB(A). Kurve, schalten, Gas weg, Kurve. Fast ist man verlockt, die Tour noch weiter auszudehnen, zumindest, solange die Verkehrsdichte gering und die Fahrweise deshalb flüssig ist. Doch selbst im dichten Verkehr zeigt die zierliche R nineT ihre Qualitäten: Bei Bedarf ist sie schmal genug, um sich an roten Ampeln einen Platz in der ersten Reihe zu erschleichen. Den hat sie im Ranking der in Deutschland beliebtesten Klassikbikes ohnehin sicher.



BMW R nineT - Technische Daten:

Motor: Luft-/ölgekühlter Zweizylinder-Boxermotor, 1170 ccm Hubraum, 80 kW/109 PS bei 7.250 U/min., 116 Nm bei 6.000 U/min; Einspritzung, 6 Gänge, Kardan.

Fahrwerk: Stahl-Gitterrohrrahmen, Motor mittragend; vorne Upside-down-Telegabel  ø 4,6 cm, voll einstellbar, 12 cm Federweg; hinten Aluminiumguss-Einarmschwinge (BMW Paralever), WAD-Zentralfederbein, Vorspannung stufenlos einstellbar, 12 cm Federweg; Drahtspeichenräder; Reifen 120/70 ZR 17 (vorne) und 180/55 ZR 17 (hinten). 32 cm Doppelscheibenbremse vorne, 26,5 cm Einscheibenbremse hinten.

Assistenzsysteme: Kurven-ABS mit dynamischer Bremskontrolle DBC, zwei Fahrmodi, automat. Blinkerrückstellung (a.W. Fahrmodi Pro mit zwei Settings, dyn. Traktionskontrolle und Motorschleppmomentregelung MSR, Temporegelung, adapt. LED-Kurvenlicht).

Maße und Gewichte: Radstand 1,487 m, Sitzhöhe 80,3 cm, Gewicht fahrfertig 222 kg, Zuladung 208 kg; Tankinhalt 18 l.

Fahrleistungen: 0-100 km/h ca. 3,5 s, Höchstgeschwindigkeit über 200 km/h. Normverbrauch lt. EU5 5,1 l/100 km.

Preis: ab 15.900 Euro zzgl. Nebenkosten, Preis Testfahrzeug 18.415 Euro.

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