Motorrad

Test: Harley-Davidson Road Glide Limited - Ein Thron auf Rädern

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Sie ist das massigste und massivste Motorrad im 2024er Modellprogramm von Harley-Davidson: Die Road Glide Limited bringt 423 Kilogramm auf die Waage Foto: SP-X/fbn

Wenn schon Harley, dann das dicke Ding. Wir waren mit der Road Glide Limited unterwegs und glitten auch über die Alpen.

Sie ist das massigste und massivste Motorrad im 2024er Modellprogramm von Harley-Davidson: Die Road Glide Limited bringt 423 Kilogramm auf die Waage. Bepackt mit reichlich Ausrüstung in den beiden Seitenkoffern sowie zwei Personen - der Gepäckträger auf dem riesigen, ebenfalls befüllten Topcase trägt zusätzlich ein respektables Gepäckstück - darf das Gewicht laut der amtlichen Zulassung auf 617 Kilogramm klettern. Wahrscheinlich bringen wir für die 2.000 Kilometer-Reise nach Mittelitalien und zurück sogar ein paar Kilo mehr auf die Waage. Was soll's. Wenn überhaupt ein Bike fürs üppige Reisen gemacht ist, dann die Road Glide Limit.

Egal ob auf guten Landstraßen, nicht allzu engen Bergstraßen oder auch auf der Autobahn: Das gewaltige Drehmoment von 160 Nm bei bescheidenen 3.000 Umdrehungen stellt souveränes Vorwärtskommen sicher. Im sechsten Gang läuft die Road Glide Limited bei dieser Drehzahl knapp 130 km/h, ein gutes Dauertempo für Überlandstrecken. Die mit den 88 PS möglichen 175 km/h sind zu zweit und auf langer Tour uninteressant; Verbrauch und Luftzug steigen genauso rapide an wie das Fahrgeräusch. Auf der Tour sind wir im Reise-Verbund mit einer eher bedächtig agierenden Harley-Gruppe oftmals auch weniger zügig unterwegs, was sich in einem Durchschnittsverbrauch von 5,1 Litern pro 100 Kilometer niederschlägt, gut ein Liter unter der Werksangabe. In der Praxis genügt es dank zurückhaltender Fahrweise und 22 Liter-Tank, alle 400 Kilometer eine Zapfsäule anzusteuern.

Wind- und Wetterschutz der Road Glide Limited sind vorbildlich. Fährt man im Regen nicht allzu langsam, werden Fahrer und Sozia kaum nass. Die zahlreichen transparenten Windabweiser und die voluminöse Scheibe leisten ganze Arbeit; auch die Hände sind gut geschützt. Verwirbelungen und Turbulenzen gibt es nur marginal. Alles entspannt? Nicht ganz. Sind nämlich die regennassen Straßen kurvig, ist Zurückhaltung angebracht, denn die Dunlop-Serienpneus des Typs D 408 F und D 407 T mit der Markenaufschrift "Harley-Davidson" zeichnen sich eher durch Langlebigkeit als durch vorbildlichen Nassgrip aus. Und eine ins Rutschen gekommene, vollgepackte Road Glide zählt nicht zu den Erlebnissen, an die man sich gerne erinnert. Da wird der ansonsten von der Sozia so geschätzte fahrende Thron blitzschnell zum heißen Stuhl.

Hat man sich als langjähriger Fahrensmann im Laufe einiger hundert Kilometer auf die Harley eingeschossen, kann man mit ihr auf trockenen Straßen erstaunlich zügig unterwegs sein. Freilich ist die mögliche Schräglage begrenzt, aber zum Glück setzen nicht gleich harte Teile auf, wenn man's als Fahrer mal zu weit treibt. Vom Charakter her ist die Road Glide aber kein Bike, mit dem man's als Fahrer "wissen will"; vielmehr lädt es zum harmonischen Cruisen ein. Dieses gerne sogar viele Stunden am Stück. Auch lange Autobahn-Abschnitte lassen sich - auf Wunsch natürlich musikunterstützt - entspannt absolvieren. Sämtliche aktuell auf dem Markt befindlichen Assistenzsysteme sind übrigens im Preis von rund 35.000 Euro serienmäßig enthalten.

Schade ist, dass bislang keinerlei Aussicht besteht, dass Harley seine großen Tourer mit einer Rückfahrhilfe ausrüsten wird; unterwegs kommt es immer wieder mal vor, dass die Sozia Schiebehilfe leisten muss, um den Zweirad-Koloss rückwärts wuchten zu können. Wie überhaupt das Rangieren, aber auch sehr langsames Fahren in engen italienischen Innenstädten durchaus zur Nervenprobe werden kann. Ein stattlicher Körperbau des Fahrers ist in solchen Situationen vorteilhaft. Hilfreich sind auch große Hände, denn die Griffweite der Handhebel ist nicht einstellbar. Keine Abhilfe wissen wir für die "unendliche" Suche nach der Leerlaufposition im ansonsten guten Sechsganggetriebe.

Um die vielen Finessen des Audiosystems, aber auch der Navigation voll auskosten zu können, muss man als Käufer konsequent sein und sich mit kompatiblen Sprechanlagen ausstatten. Nur dann ist die interne Kommunikation möglich; wer hier spart, nutzt die Möglichkeiten der Limited nicht aus.

Sofern man gut bei Kasse ist und nicht zu jenen gehört, die stets an der Aktualitätsspitze stehen müssen, kann man auch mit der gegenwärtigen Road Glide Limited glücklich werden: Bedingungen sind Erfahrung am Lenker, Unerschrockenheit vor großen Massen und die Bereitschaft, sich mal auf die US-Interpretation des Tourens einzulassen. Auch wenn nicht der Grand Canyon lockt, sondern "nur" ein europäisches Ziel.



Technische Daten - Harley-Davidson Road Glide Limited:

Motor:  Luft- und flüssigkeitsgekühlter 45 Grad-V2-Motor, Typ Milwaukee-Eight 114, 1868 ccm Hubraum, vier Ventile pro Zylinder, ohv, 65 kW/88 PS bei 5020 U/min, 160 Nm bei 3.000 U/min; Einspritzung, 6 Gänge, Zahnriemen

Fahrwerk: Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen; Telegabel ø 4,9 cm vorne, 11,7 cm Federweg; Stahl-Zweiarmschwinge hinten, zwei Federbeine (Vorspannung hydraulisch einstellbar), 7,6 cm Federweg; Aluminiumgussräder; Reifen 130/60 B 18 (vorne) und 180/55 B 18 (hinten). 30 cm Doppelscheibenbremse vorne, 30 cm Einscheibenbremse hinten

Assistenzsysteme: Zweikreis-ABS, Motor-Schleppmoment-Regelung,  Antischlupfregelung, elektron. Bremskraftverteilung (alle Systeme kurvenoptimiert), Berganfahrhilfe, aut. Blinkerrückstellung, Tempomat, Keyless Ride, Navigation und komplette Konnektivität

Maße und Gewichte: Radstand 1,625 m, Sitzhöhe 73,5 cm, Gewicht fahrfertig 423 kg, Zuladung 194 kg; Tankinhalt 22,7 Liter

Fahrleistungen: 0-100 km/h ca. 5,5 s, Höchstgeschwindigkeit 175 km/h (abgeregelt). Normverbrauch lt. WMTC-Norm (EU 5) 6,3 l/100 km, Testverbrauch 5,1 l/100 km

Wartung und Garantie: Service nach 1.600 km, danach alle 8.000 km; Garantie vier Jahre ohne Kilometerbegrenzung

Preis: ab 34.290 Euro

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