60 Jahre Mercedes-Benz 600 (W 100)

60 Jahre Mercedes-Benz 600 (W 100) - Monument der Macht und des Machbaren

img
Auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt 1963 feierte der Mercedes-Benz 600 im September seine Weltpremiere Foto: Mercedes-Benz Group

Mit bis zu 6,24 Meter Länge passte dieser Gigant auf keinen normalen Parkplatz, dafür perfekt auf die Schlossallee und vors Präsidentenpalais. Der Mercedes 600, auch ,,Großer Mercedes' genannt, stellte 1963 alle etablierten Prestigekarossen in den Schatten: Als neuer Superlativ für Kraftentfaltung, Komfort und Sicherheit.      

Was für ein Jahr! 1963 landeten die Beatles mit der Single ,,Please Please Me" ihren ersten Nummer-1-Hit, Elvis Presley feierte Filmerfolge als bestbezahlter Hollywoodschauspieler, der Mann des Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard, wurde Bundeskanzler, Paul VI. zum Papst gewählt, Queen Elizabeth II bereitete ihren ersten Staatsbesuch vor im Nachkriegs-Deutschland - und Mercedes-Benz präsentierte den staatstragenden Typ 600 (W 100). Eine bis zu 6,24 Meter lange Limousine mit 6,3-Liter-V8 und damit ein Monument automobiler Macht und technologischen Fortschritts, in dem sich die genannten Popstars und politischen sowie kirchlichen Würdenträger gerne chauffieren ließen.

Kolossaler, komfortabler und technisch innovativer als der Mercedes 600 war damals kein anderer Luxusliner, und auch kostspieliger war außerhalb Deutschlands keiner der Konkurrenten aus der Liga von Rolls-Royce Phantom V, Lagonda Rapide, Cadillac Fleetwood oder Lincoln Continental. Als Sensation gefeiert wurden zudem die furiosen Fahrleistungen des riesigen Mercedes, der sich mit einer kantigen, chrombehangenen Karosserie scheinbar wie ein Klotz gegen den Wind stemmte. Aber in Wahrheit war der cw-Wert von 0,46 damals nicht schlecht und mit neuem V8-Einspritzmotor erzielte der Typ 600 Fahrwerte auf dem Niveau der sportlichen Stars des Jahres 1963, also Porsche 901 (911) oder Mercedes 230 SL. Den Big-Benz 600 hautnah zu sehen, diese Gelegenheit nutzten deshalb auf der IAA 1963 fast eine Million Menschen.

184 kW/250 PS aus gewaltigen 6,3 Liter Hubraum, 500 Nm Drehmoment, von null auf Hundert in 9,5 Sekunden und das alles im V8-Flüsterton: Die sanfte Gewalt des fast zweieinhalb Tonnen schweren Typs 600, wuchtig verpackt in ikonische Konturen, die bis in die 1980er Jahre aktuell blieben, wirkte anfangs weltweit unwiderstehlich. Ob Kreml-Repräsentanten, Kaiser Hirohito von Japan, afrikanische Staatschefs, europäische Präsidenten oder High Society, für den Nachfolger der legendären ,,Großen Mercedes" aus Vorkriegszeiten begeisterten sich fast alle. Der neue Technologieträger mit Typencode 600 ließ sogar die Rolls-Royce-Verkaufszahlen vorübergehend einbrechen. Schließlich ließ sich die Queen bei ihrer ersten Deutschland-Tour im Sternenkreuzer chauffieren, und die Stuttgarter Prunkkarosse entstand in beispielhaft penibler, langwieriger Handarbeit.

Bis zu elf Wochen dauerte der Aufbau eines Mercedes 600 in Normalversion, die vier- oder sechstürigen Pullman-Limousinen und -Landaulets benötigten fast vier Monate bis zur Auslieferung. Sogar die Herstellung der Zierteile aus verchromtem Messing erfolgte einzeln, und die Qualitätskontrollen für den Mercedes 600 übertrafen alle bekannten Standards. ,,Jedes (Fahrzeug) ist ein Meisterstück im deutschen, besser im schwäbischen, also im ernstesten Sinne des Wortes", erklärte deshalb eine Pressemitteilung im Stil jener Jahre. Einzigartig war das Angebot der Serien- und Sonderausstattungen für die meist sechs- bis achtsitzigen Repräsentationskarossen: Via sogenanntem Komfort-Hydrauliksystem über 23 Tasten verstellbare Sitze (vorne und hinten) und zu bedienendes Stahlschiebedach sowie Fensterheber, schalldichte Trennscheibe zwischen Vorder- und Rücksitzen und Kofferraumdeckelöffnung. Hinzu kommen Türen mit Schließhilfen und eine unterdruckgesteuerte Zentralverriegelung, die Luftfederung, verstellbare Teleskopstoßdämpfer, Autotelefon, Klimaanlage, 13 Innenraumlampen, Erfrischungsbar, ein ,,Necessairefach für die Dame", beleuchtete Klapptische und ein Fernseher (ab 1972 sogar mit dem ersten Videoabspielgerät), nicht zu vergessen das Karosserieprogramm nach Maß.

Kaum ein Kundenwunsch, der unerfüllt blieb, so wurde 1967 als Einzelstück auch ein Landaulet mit kurzem Radstand realisiert. Besteller einer Pullman-Limousine goutierten den im Kaufpreis inkludierten zweitägigen Chauffeur-Kursus bei Mercedes-Benz. Besonders gefährdete Prominente konnten überdies beschussgeschützte Fahrzeuge ordern, speziell in den politisch und gesellschaftlich unruhigeren 1970er Jahren eine durchaus gefragte Ausstattungsoption. Tatsächlich spiegelte der von den Medien als ,,bestes Auto der Welt" gefeierte und 18 Jahre lang gebaute Mercedes 600 mehr noch als andere Longseller den Lauf der Zeiten. Die Messe-Premiere dieses Repräsentationsfahrzeugs mit erstem Mercedes-V8-Einspritzer konnte 1963 noch Konrad Adenauer in seiner Funktion als Kanzler kommentieren und dabei den pompösen 600 Pullman als großen Botschafter und Symbol der deutschen Wirtschaft bezeichnen. Worte, die Papst Paul VI. zwei Jahre später bei der Übernahme seines persönlichen 600 Landaulet bestätigte. Wie sehr die unter Friedrich Geiger und Paul Bracq designte Baureihe W 100 in Größe, Preis und Technologie vom Standard damaliger Luxusliner entrückt war, zeigen folgende Beispiele: Konrad Adenauers Dienstwagen, das immerhin gut fünf Meter lange Modell 300 (W 186/189), entstand in 11.430 Einheiten, vom Mercedes 600 - wurden nur 2.677 Einheiten verkauft, deutlich weniger als erwartet. Nicht einmal Bundesregierung oder Bundespräsidialamt kauften das Superauto, sondern mieteten für offizielle Anlässe beim Hersteller den 600 als Pullman-Limousine oder Landaulet.

63.500 Mark wies die Mercedes-Preisliste anfangs für den 600 Pullman aus, dafür gab es alternativ drei Mercedes 300 SE oder ein Einfamilienhaus plus Porsche 356. So zeigten sich hierzulande nur Showstars im größten Stern: Herbert von Karajan, Udo Jürgens, Reinhard Mey oder Mireille Mathieu etwa. Für Wirtschaftslenker und die meisten westlichen Politiker verkörperte der im Unterschied zu behäbigeren Rolls-Royce, Bentley oder Cadillac auch bei Tempo 200 vollkommen ruhig über die Autobahn gleitende 600 zu viel Prunk. Dies insbesondere als die 1970er begannen mit Energiekrisen und einem Klima des Sozialneids, das für manchen Luxus- und Supersportwagenhersteller das Aus brachte. Staatslenker Mao Zedong (elf 600er in seiner Garage), Schah Reza Pahlavi von Persien (20 Pullman-Mercedes) oder arabische Monarchen mit bis zu 100 ,,Großen Mercedes" kümmerten derartige Vorbehalte gegen die feudal lange Luxuslimousine nicht.

Aber der US-Export des laut zeitgenössischer Testberichte zwischen 25 und 30 Liter pro 100 Kilometer konsumierenden Riesen endete schon Anfang der 1970er, und danach stotterte der Absatz der Baureihe W 100. Manche Fans des formidablen 6,3-Liter-V8-Motors bestellten diesen in der dezenteren Baureihe W 108 (300 SEL 6.3) - und ab 1975 kürten Fans und Medien den moderneren 450 SEL 6.9 (W 116) zum neuen besten Auto der Welt. Als im Juni 1981 der letzte Mercedes 600 von der Montagelinie direkt ins Museum fuhr, war es ein stiller Abschied ohne direkten Nachfolger - auch wenn Mercedes auf den kompakteren 500 SE (W 126) verwies. Ein wahres Obendrüber-Auto gab es aus Stuttgart erst wieder mit den exaltierten Maybach-Limousinen des 21. Jahrhunderts. Die Faszination des Mercedes 600 aber bleibt bis heute einzigartig, wie kein anderer betört der Klassiker bei Oldtimertreffen durch Eleganz im XXL-Format.



Chronik:
1955: Die Entwicklung eines neuen Mercedes-Benz-Spitzenmodells beginnt, Chefingenieur Fritz Nallinger will die Baureihe W 100 oberhalb Mercedes 300 (W 186/189) ,,Adenauer" positionieren, dies mit V8-Motor und in Tradition der ,,Großen Mercedes" der Vorkriegsjahre
1959: Der V8-Motor (Typ M 100) läuft auf dem Prüfstand
1960: Am 4.Oktober erfolgt die endgültige Vorstandsfreigabe für die neue Baureihe W 100 anhand eines Gipsmodells im Maßstab 1:1. Für das Design der Baureihe zeichnet Friedrich Geiger verantwortlich
1962: Im März Produktionsauslauf für den Mercedes-Benz 300 d, die bisherige Repräsentationslimousine der Marke
1963: Im August präsentiert Mercedes das Modell 600 (Baureihe W 100), auch ,,Der große Mercedes" genannt, der Presse. Auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt feiert der Mercedes-Benz 600 im September seine Weltpremiere. Als erster Mercedes-Pkw wird der Typ 600 von einem V8-Einspritzmotor angetrieben, dies gekoppelt an ein serienmäßiges Automatikgetriebe. Die Fahrleistungen des 184 kW/250 PS starken Typs 600 liegen auf Sportwagenniveau
1964: Im September beginnt die reguläre Serienfertigung des Modells 600. Insgesamt rollen im ersten Jahr 99 Mercedes-Benz 600 und acht 600 Pullman mit langem Radstand aus den Fertigungshallen. Das Karosserieportfolio des Mercedes 600 während der Bauzeit umfasst eine viertürige Limousine (Radstand 3,20 Meter, Außenlänge 5,54 Meter), vier- und sechstürige Pullman-Limousinen (Radstand 3,90 Meter, Außenlänge 6,24 Meter) sowie vier- und sechstürige Landaulets (Radstand 3,90 Meter, Außenlänge 6,24 Meter)
1965: Die Produktionszahlen erreichen mit 345 Mercedes 600 und 63 Pullman in diesem Jahr ein Allzeithoch. Ein zweitüriges, viersitziges Coupé mit verkürztem Radstand entsteht bei Mercedes-Benz als Machbarkeitsstudie. Am 9. September übergibt die Daimler-Benz AG Papst Paul VI. in dessen Sommerresidenz Castelgandolfo im Rahmen einer kleinen Feier einen Mercedes-Benz 600 in Sonderausführung. Als erstes beschussgeschütztes Fahrzeug, das nach dem Krieg bei Daimler-Benz aufgebaut wurde, entsteht im Juni des Jahres ein 600 Pullman mit erhöhtem Dachaufsatz, der im Werksfuhrpark verbleibt, um bei Bedarf an die Bundesregierung vermietet zu werden. 1980 baut Mercedes einen zweiten derartigen 600 Pullman
1966: Leonid Breschnew, Generalsekretär der KPdSU, nimmt einen Mercedes 600 in seinen Fuhrpark aus Regierungsfahrzeugen auf, neben Zil und Tschajka. Weitere prominente Eigentümer werden der chinesische Staatslenker Mao Zedong mit elf Exemplaren, Schah Reza Pahlavi von Persien mit 20 Einheiten, Japans Kaiser Hirohito, Präsident Mobutu von Zaire mit 23 Wagen, arabische Monarchen mit bis zu 100 Fahrzeugen, Rumäniens Staatschef Nicolaie Ceaucescu, Jugoslawiens Staatspräsident Josip Tito, Ugandas Staatschef Idi Amin, König Hassan von Marokko und  Präsident Bourguiba von Tunesien mit mindestens einem Fahrzeug, aber auch Papst Paul VI. und Film-, Show- und Unternehmergrößen wie John Lennon, Elvis Presley, David Bowie, Liz Taylor, Jack Nicholson, Aristoteles Onassis, Coco Chanel, Johannes von Thurn und Taxis, Ivan Rebroff, Gunter Sachs, Max Grundig, Herbert von Karajan, Rudolf Schock, Reinhard Mey, Udo Jürgens, Mireille Mathieu, Manuela (Schlagersängerin) oder Peter Hofmann
1967: Als Einzelstück und auf Kundenbestellung wird ein kurzer 600 in Landaulet-Version gebaut. Der neue Rolls-Royce Silver Shadow erweist sich als erster erfolgreicher Rivale, der die Verkaufszahlen des Mercedes-Flaggschiffs einbrechen lässt auf 138 Limousinen und 21 Pullman
1968: Der Mercedes 300 SEL 6.3 wird mit dem V8-Motor (M 100) des Typs 600 vorgestellt. Produktion bis September 1972
1969: Der Mercedes 600 erfreut sich bei Prominenz und Politik noch einmal besonderer Popularität. 279 Limousinen und 57 Pullman und Landaulet werden in diesem Jahr ausgeliefert
1971: Beginn der Produktion von Mercedes 600 mit Sonderschutz. Bis November 1980 werden 26 Limousinen sowie 17 Pullman-Limousinen, darunter eine in 6türiger Ausführung mit Sonderschutz gebaut
1972: In den USA initiiert die EPA-Behörde im Herbst neue Abgasgesetze, die dazu führen, dass der offizielle Export des Mercedes-Benz 600 in die USA eingestellt wird
1973: Die erste Ölkrise führt zu einem drastischen Absatzrückgang bei allen Luxusautos, so auch beim Mercedes 600, dessen jährliche Produktionszahlen fortan unter 100 Einheiten liegen
1974: Als Auswirkung der Ölkrise werden nur 24 ,,kurze" Mercedes 600 und 28 Pullman hergestellt
1977: Die Produktion von rechtsgelenkten Mercedes 600 wird eingestellt
1978: Mit 40 Einheiten erreicht die Jahresproduktion einen Tiefststand
1979: Auch in Deutschland ist der Mercedes 600 nur noch auf besondere Bestellung zu Preisen ab 165.760 Mark lieferbar, im regulären Verkaufsprogramm wird er nicht mehr genannt
1981: Im Mai wird die Langversion aus der Produktion genommen. Am 10. Juni endet die Fertigung der Baureihe W 100, die letzten beiden gebauten Fahrzeuge bleiben in Unternehmensbesitz. Insgesamt wurden 2.677 Mercedes 600 gebaut, davon 2.190 Limousinen, 304 viertürige Pullman-Limousinen, 124 sechstürige Pullman-Limousinen, 47 viertürige Landaulets, 12 sechstürige Landaulets und zwei Coupés. 44 Mercedes-Benz 600 wurden in gepanzerter Form ausgeliefert. Ein Drittel der Gesamtproduktion wurde in die USA exportiert. Mercedes-Benz empfiehlt die S-Klasse W 126 und deren Spitzentyp 500 SEL ,,als zeitgemäße Fortführung der im ,Großen Mercedes' realisierten Idee vom Fahren"
1985: Das Pullman-Landaulet für Papst Paul VI. kehrt zurück nach Stuttgart, nachdem es für drei Päpste im Einsatz war, und wird ab 1986 im Mercedes-Benz-Museum ausgestellt
2023: Heute positionieren sich die Modelle Mercedes-Maybach S-Klasse und Mercedes-Maybach EQS (SUV) als luxuriöse Spitzenmodelle des Herstellers. Das Jubiläum 60 Jahre ,,Großer Mercedes" Typ 600 feiert die Marke mit dem Stern mit verschiedenen Aktionen. So erhielt der 600 bei der Techno Classica Essen einen großen Auftritt, im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart steht eine 600 Pullman-Staatslimousine aus dem Fuhrpark des Unternehmens und im Mercedes-Studio am Odeonsplatz in München wird ein 600 im Ambiente der 1960er Jahre ausgestellt   

Motorisierungen:
Mercedes-Benz 600 mit 6,3-Liter-V8 (184 kW/250 PS), Vmax 207 km/h, 0-100 km/h in 9,5 Sekunden
Mercedes-Benz 600 Pullman bzw. Landaulet mit 6,3-Liter-V8 (184 kW/250 PS), Vmax 200 km/h, 0-100 km/h in 12 Sekunden

Preise:
Mercedes-Benz 600 (1963/64) ab 56.500 Mark
Mercedes-Benz 600 Pullman (1963/64) ab 63.500 Mark
Mercedes-Benz 600 (1968) ab 57.600 Mark
Mercedes-Benz 600 Pullman (1968) ab 64.700 Mark
Mercedes-Benz 600 (1970) ab 63.800 Mark
Mercedes-Benz 600 Pullman (1970) ab 71.300 Mark
Mercedes-Benz 600 (1973) ab 87.300 Mark
Mercedes-Benz 600 Pullman (1973) ab 98.800 Mark
Mercedes-Benz 600 (1974) ab 99.900 Mark
Mercedes-Benz 600 Pullman (1974) ab 114.400 Mark
Mercedes-Benz 600 (1975) ab 110.500 Mark
Mercedes-Benz 600 Pullman (1975) ab 127.100 Mark
Mercedes-Benz 600 (1979) ab 144.368 Mark
Mercedes-Benz 600 Pullman (1979) ab 165.760 Mark
Mercedes-Benz 600 Pullman 6-Türer (1979) ab 175.728 Mark

STARTSEITE